Die Mär von den fehlenden Stromtrassen

Ein weiterer Mythos der Energiewende – fehlende Netze

Es gibt jede Menge Mythen über die Energiewende. Dieser Mythos, die Mär von den fehlenden Stromtrassen, liefert der Bundesregierung die perfekte Begründung dafür den Zubau von Wind- und Solaranlagen auszubremsen. Wir bekommen nun immer wieder zu hören, dass wir im Norden zu viel Windanlagen haben und diese Überschüsse produzieren, die wir aber nicht nach Bayern leiten können wo sie verbraucht werden könnten. Allerdings stimmt dieses Argument hinten und vorn nicht und es ist schon etwas merkwürdig, dass es keinem auffällt. Oberflächlich betrachtet klingt das natürlich logisch und ist es in dieser eingeschränkten Betrachtung auch. Wer sich aber mit der Energiewende ernsthaft auseinandersetzt, wird das völlig anders sehen und er wird schnell entdecken, dass dieses Argument sogar sehr kontraproduktiv gebraucht/missbraucht wird.

Tatsache ist:

Inzwischen erleben wir einige Tage mit so viel Sonne und/oder Wind, an denen wir Deutschland fast ausschließlich mit erneuerbarem Strom versorgen können. Es fehlen nur noch wenige Prozent, dann könnten wir sagen: 100% Öko – Klasse! Und dass, obwohl wir übers Jahr gesehen nur ca. 1/3 des Stromes aus Erneuerbaren Energien (EE) erzeugen. Das ist eine physikalische Tatsache. Eine einfache Betrachtung kann uns weiterhelfen die Lüge um fehlende Netze zu verstehen: Wir haben bis jetzt noch keinen Tag erlebt wo wir mehr Strom aus EE erzeugt haben als wir verbrauchen konnten.

Wenn wir (was wir auch dringend müssen), nun Wind- und Sonnenanlagen dazu bauen, dann würden an manchen guten Tagen mehr Strom erzeugt werden, als wir tatsächlich verbrauchen können. Nun müsste es auch dem dümmsten klar werden, da würden dann auch keine weiteren Leitungen helfen. Trotzdem brauchen wir diesen Strom nicht wegwerfen, indem wir ihn beispielsweise abregeln. Verwirrung bringt aber eine Tatsache, die ständig für Missverständnisse sorgt. Wir erzeugen heute schon Überschüsse und sogar nicht wenige. Wir exportieren inzwischen sehr viel Strom. Wieso?

Wenn wir wenig Sonne oder Wind haben brauchen wir einen Ausgleich über konventionelle Kraftwerke die den dann fehlenden Strom liefern. Am besten sind dafür Gaskraftwerke geeignet, weil die auch komplett auf Null herunter geregelt werden können und sofort, wenn es windstill wird, auch wieder hochgefahren werden können. Kohlekraftwerke können das aber nicht. Man kann sie nicht einfach und schnell ausmachen oder wieder anmachen. Sie lassen sich zwar in ihrer Leistung drosseln, aber mit Erneuerbaren Energien sind sie einfach nicht kompatibel.

Dumm gelaufen

Das dumme, die Bundesregierung hat sich nach dem Ausstieg für Kohlekraftwerke entschieden um die heimische Braunkohle zu stärken. Ein weiterer struktureller Fehler hat dann zusätzlich dazu geführt, dass aufgrund einer Strommarkt-Regelung die Preise an der Strombörse immer weiter sinken. Damit aber wurden die vorhandenen Gaskraftwerke unwirtschaftlich. Diese werden nun noch kaum betrieben und Neubauten gingen gar nicht erst in Betrieb.

Man kann inzwischen die beiden Energiearten Wind und Sonne sehr gut vorausberechnen. Was passiert nun an solchen Tagen mit viel Sonnenschein und/oder Wind?  Sehr einfach: Dann bekommen die Kraftwerksbetreiber von einer zentralen Leitstelle die Aufforderung ihre Kraftwerke in der Leistung herunter zu regeln. Wenn Sonne und Wind immer mehr Leistung über den Tag bringen, müssen konventionelle Kraftwerke kontinuierlich herunter geregelt werden. Da die Kohle- und Atomkraftwerke aber nicht ganz ausgeschaltet werden können, bekommen wir einen künstlichen Stromüberschuss. Dann kommt es stundenweise an der Strombörse zu sinkenden Preisen und man muss den Strom ins Ausland versuchen zu verkaufen. Das geht manchmal sogar nur über Negativpreise, was nichts anderes heißt, als das wir dafür bezahlen den Strom loszuwerden. Allerdings kommen diese Situationen sehr selten vor und der deutsche Stromexport holt nach wie vor hohe Gewinne herein. Darüber wird so gut wie gar nicht berichtet, über die Negativpreise aber schon.

Es gibt eine Lösung – Sektorkopplung

Wir könnten aber endlich beginnen den Strom auch in anderen Bereichen zu verbrauchen. Wir könnten den Strom zur Wärmeerzeugung, zum Kühlen und für die Mobilität einsetzen. Das nennt man Sektorkopplung. Hier werden die Sektoren Strom, Wärme und Mobilität gekoppelt. Die Investitionen in die Sektorkopplung (außer im Bereich Mobilität) sind übrigens sehr günstig. Oftmals sind die Strukturen ja sogar vorhanden (Kühlhäuser), elektrische Wärmeerzeuger, die dann nur angesteuert werden müssen. Der Norden könnte also den Strom in den Metropolen also sinnvoll selbst verbrauchen und das werden wir auch landesweit tun müssen, anstatt ihn für billig Geld ins Ausland zu verschieben. Wenn Strom dezentral erzeugt und verbraucht wird, brauchen wir für diese Art der Stromerzeugung keine Stromtrassen.

Herman Scheer

hat in seinem Buch „Der Energhetische Imperativ“ schon sehr früh darauf hingewiesen, dass wir sehr viele technische Begründungen vorgelegt bekommen werden. Sie klingen völlig logisch oberflächlich betrachtet, zerplatzen bei näherer Betrachtung aber wie Seifenblasen. Und genau diese Mär von den fehlenden Stromtrassen bekommen wir nun immer wieder aufgetischt. Nun hören wir von einem Stromflaschenhals im Norden, sodass ein weiterer Ausbau Erneuerbarer Energien gestoppt werden muss.
Prof. Volker Quaschning von der HTW Berlin zeigt in seinem lesenswerten Bericht eindeutig auf was wirklich geschehen muss und warum die Forderung nach Stromtrassen ein Scheinargument ist.

Die Mär von den fehlenden Stromtrassen – Falsch verbunden

Hier Prof. Volker Quaschnings Bericht:

Image150_Klima4„Bereits seit Jahren fordern Merkel, Altmaier, Gabriel und Co. den schnellen Ausbau von Stromtrassen, da sonst der Zubau Erneuerbarer Energien ins Stocken gerate. Und weil es so oft gesagt wurde, verbreiten es auch unzählige Journalisten unhinterfragt. Doch wer meint, dass die Energiewende am Ausbau von Übertragungsleitungen scheitert, hat die Energiewende nicht richtig verstanden.

In Deutschland werden fluktuierende Solar- und Windkraftanlagen schon bald den Löwenanteil der Stromerzeugung abdecken. Dann wird es aber Stunden im Jahr geben, an denen wir locker dreimal so viel Strom produzieren, wie wir benötigen. Zu anderen Zeiten müssen wir mit erheblichen Defiziten rechnen. Dieses Problem konnten wir mit Leitungen nicht einmal dann in den Griff bekommen, wenn wir dutzende Trassen – ungeachtet des sicheren Vetos von Horst Seehofer – quer durch Deutschland und Bayern bis nach Süditalien zögen.

Die Diskussion um die angeblich fehlenden Leitungen soll in Wahrheit nur die Drosselung des Windenergieausbaus rechtfertigen, der doch aber zur Bekämpfung des Klimawandels so dringend nötig wäre. Ein Defizit bei Leitungen bedeutet: Auch keine neuen Windkraftanlagen im Norden, so die einfache Formel. Und der Leitungsbau kann bekannterweise lange dauern, zumindest so lange, bis RWE und Freunde die Kurve bei der Energiewende gekriegt haben.

Ein Blick

in den aktuellen Netzentwicklungsplan enthüllt das ganze Elend der Leitungsplanungen. Bei den Berechnungen wurde bis in die 2030er-Jahre mit erheblichen Mengen an Kohlestrom gerechnet, der die bestehenden Leitungen verstopft. Welche Leitungen am Ende wirklich bei einem schnellen Kohleausstieg und einem eher dezentralen Zubau erneuerbarer Anlagen nötig sind, wurde erst gar nicht ermittelt.

Dabei muss die Energiewende ohnehin sektorübergreifend stattfinden. Neben der Stromversorgung müssen auch die Wärme und der Verkehr dekarbonisiert werden. Dafür brauchen wir auch dort letztendlich größtenteils Strom aus erneuerbaren Anlagen. Dazu konnten wir Norddeutschland zu einem gigantischen Testlabor für die Sektorkopplung bei der Energiewende machen: Gaserzeugung oder Heizen mit Windstromüberschüssen, lokale Förderprogramme für Wärmepumpen oder Elektroautos, Teststrecken für Elektrolastwagen mit Oberleitungen und Elektrobuslinien – das wären nur einige der Möglichkeiten. Dann konnte auch der schnelle Windenergiezubau weitergehen. Nur wer solche Projekte mutig fördert, nutzt das Innovationspotenzial Deutschlands und hat die Energiewende wirklich verstanden.

Volker Quaschning

Hier ein Vortrag von Prof. Dr. Hirschhausen von der Technischen Universität Berlin vom 20.2.2015 in der Diepoldhalle in Schweinspoint, Gemeinde Marxheim, über die Sinnlosigkeit von HGÜ – Stromtrassen nach Bayern. www.stromautobahn.info. Ca. 4 Min.

Und hier noch ein weiterer Vortrag für die die noch ein wenig mehr vom Thema verstehen wollen von Frau Prof. Dr. Veronika Grimm – 7. Energiepolitischer Workshop: Vernetzte Energiewende?

Veröffentlicht in Energiewende, Energiewirtschaft, Lobby, Netze, Politik, Wind

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