Energiewende Aufbruchstimmung?

Trotz der weiterhin anhaltenden Zustimmung in der Bevölkerung – eine Aufbruchstimmung hat unsere Energiewende nicht. Das war in den Anfangsjahren ganz anders. Aber warum gibt es diese Aufbruchstimmung nicht mehr? Warum haben wir statt dessen inzwischen eine Stagnation und vielerorts Verdruss?

Den Versuch einer Antwort und eine Analyse habe ich in einem Beitrag von Hubertus Grass auf der Seite DIALOG.ENERGIE.ZUKUNFT gefunden. Hubertus Grass schreibt dort:

Das Projekt Energiewende steht schon lange unter Beobachtung der Demoskopen. Auffällig ist dabei eine lang anhaltende hohe Zustimmung der Bevölkerung zu diesem Projekt. Gleichzeitig wird das Management der Energiewende kontinuierlich schlecht bewertet. Woher rührt diese Diskrepanz zwischen der grundsätzlichen Zustimmung in der Sache und der Skepsis gegenüber den Akteuren? Obwohl 2011 im parteipolitischen Konsens verabschiedet, kommt bei der Energiewende keine ungeteilte Freude mehr auf. Nur oberflächlich sind sich dort alle Parteien einig. Dabei braucht die Energiewende mehr denn je eine Aufbruchstimmung. Ganz besonders in diesem Jahr.

Energiewende: Kein Projekt wie andere

Klar: Die Energiewende ist ein sehr komplexer Prozess – komplexer als der Bau eines Hauptstadtflughafens oder eines Bahnhofs in Stuttgart. Es geht ja bei der Energiewende nicht nur um den Ersatz bestehender durch neue Technik,  sondern um eine tiefe Transformation, die neben der Technik die Umwelt, die Wirtschaft und auch das soziale Gefüge berührt.

Der Energhetische ImperativUnd genau der letzte Satz beinhaltet nach meiner Meinung den wirklichen Knackpunkt. In seinem Buch, Der Energhetische Imperativ (Leseprobe), finden wir bei Hermann Scheer auf Seite 23 dazu folgende Aussage:

„Der Wechsel zu hundert Prozent erneuerbaren Energien bedeutet den umfassendsten wirtschaftlichen Strukturwandel seit dem Beginn des Industriezeitalters. Ein Strukturwandel ohne Verlierer und Gewinner ist undenkbar. Verlierer werden unweigerlich die Anbieter der konventionellen Energien sein – in welchem Ausmaß das der Fall ist, hängt von ihrer Fähigkeit ab, sich an Haupt und Gliedern umzustrukturieren, sich mit drastisch sinkenden Marktanteilen abzufinden und neue Tätigkeitsfelder für sich zu finden, die keine energiewirtschaftlichen mehr sein werden. Versuche die Verliererrolle in diesem Wandlungsprozess zu entkommen und ihre zentrale energiewirtschaftliche Rolle zu behalten, führen zu widersprüchlichen und teuren Verlangsamungsstrategien.

Die Gewinner des Wechsels werden die Weltzivilisation insgesamt und Gesellschaften und Volkswirtschaften sein, und in diesen die Technologieunternehmen sowie viele lokale und regionale Unternehmen.“

Hubertus Grass schreibt in seinem Beitrag weiter:

Doch die Energiewende ist nicht das erste staatliche Großprojekt dieses Ausmaßes. Das Projekt Deutsche Einheit läuft immer noch parallel. Was der Energiewende im Vergleich zur deutschen Einheit fehlt, ist ein ordentliches Narrativ. Nicht alle Anstrengungen, die zum Zwecke der Deutschen Einheit unternommen wurden, lassen sich unter dem Narrativ „Blühende Landschaften“ zusammenfassen. Aber diese blühenden Landschaften als Bild für eine lohnenswerte gemeinsame Anstrengung waren lange Jahre so etwas wie die Klammer um das Projekt. Bei allem politischen Streit um Einzelaspekte, vor allem um Fragen der Finanzierung, gab es einen großen Konsens, der Politik, Gesellschaft, Medien, Wirtschaft, Kultur usw. einte. Am Ziel der inneren Einheit Deutschlands haben alle auf ihre Weise mitgearbeitet.

Erfolgsrezept für große Umbrüche

Wie werden derart komplexe volkswirtschaftliche Umbrüche zum Erfolg? Ähnliche nationale Anstrengungen wie wir bei der Energiewende unternhemen, haben die USA in den sechziger Jahren überwunden, als sie das Apollo Programm der bemannten Raumfahrt auf den Mond umsetzten.
Der Sputnik-Schock bereitete den Weg für dieses weitreichende Programm. Die USA wussten, dass sie den Wettlauf der Systeme nur mit gut ausgebildeten Menschen bestehen konnten. Im Rahmen des Apollo Programms wurde daher auch das Bildungssystem der USA reformiert. All diese zielführenden Anstrengungen standen unter dem Narrativ des Wettlaufs der Systeme: America first – damals hat es gewirkt. Noch heute ist das Apollo Programm ein Paradebeispiel dafür, welche Aufbruchstimmung entsteht und die Menschen trägt, wenn man eine Nation hinter einem Ziel zusammenbringen kann.

Bei der Energiewende wurde es noch nicht einmal ernsthaft versucht, einen tiefer gehenden Konsens zu erreichen. Das lag zum einen daran, dass vor allem der erste Atomausstieg politisch höchst umstritten war. Dass die rot-grüne Bundesregierung mit ihrer knappen Mehrheit den Atommeilern den Strom ab drehen wollte, haben weder die Unternehmen noch die Befürworter der Kernenergie in den Nuller-Jahren überwinden können. Damit gehörte der erbitterte politische Streit, der nicht nur in den Parteien, sondern auch in den Verbänden und Gewerkschaften geführt wurde, quasi zur Grundausstattung der Energiewende.
…… Was der Energiewende fehlt, ist vergleichbare Sicherheit – und das Vertrauen ins Gelingen.“

Wo aber sollte ein Vertrauen ins Gelingen denn herkommen? Unsere Regierung zeigt mit ihrem Handeln und einer unglaublichen Ausweitung von Behinderungen und komplizierten Gesetzen (siehe EEG2017) eher, dass sie an einem Vertrauensaufbau gar nicht interessiert ist. Sie verschafft den alten konventionellen Energien Zeit, die verschlafene Energiewende nachzuholen, ist aber nicht gewillt auf die Analyse Hermann Scheers einzugehen, ja man bekommt sogar den Eindruck, diese Aussagen sind unerwünscht. Damit verteuert sie die Energiewende unnötig und verlangsamt sie bewusst, ohne sich den Konsequenzen stellen zu wollen. Zwar gibt sie inzwischen zu, dass die selbst gesetzten Ausbau- und Klimaschutzziele für 2020 (weit) verfehlt werden, aber unternimmt nichts die notwendigen Schritte einzuleiten um dies zu korrigieren.

Begründet wird das vom ehemaligen Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel mit finanziellen Belastungen die man den Bürgern nicht zusätzlich aufbürden könne und eine notwendigen Synchronisation zwischen Netzausbau und Ausbau der Erneuerbaren.
Das dies nicht der Wahrheit entspricht haben wir hier auf unseren Seiten bereits mehrfach behandelt.

Wir befinden uns also in einem Dilemma. Zum Einen haben wir Erneuerbare, die immer günstiger werden und die in der Öffentlichkeit immer noch als viel zu teuer dargestellt werden, zum Andern sind die Medien nicht in der Hintergründe auch nur annähernd objektiv darzustellen. Was also tun?

Daniel Banasch, Vorsitzender von MetropolSolar Rhein-Neckar, dem Netzwerk für 100% erneuerbare Energien im Rhein-Neckar-Raum,  weiß da eine Antwort. Er hat die Aktion Sonne 2030 erfunden und ist überhaupt ein sehr kreativer Mensch. Er sagt, wir müssen das selbst über die sozialen Netzwerke in die Hand nehmen und wir können das. Wie, zeigt sein aktueller Impulsvortrag (ca. 12 min.), das ist dann tatsächlich mal eine Aufbruchstimmung:

Hier das alles etwas ausführlicher (ca. 19 min.):

Seinen Vortrag „Energiewende auf dem Bierdeckel“ möchte ich hier auch noch einmal aufführen. Auch der lohnt auf jeden Fall, denn es ist die kürzeste Erklärung wie die Energiewende funktioniert.

Sonnige Grüße

Klaus Müller

 

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