Bildungsnotstand Journalismus – Die Klimafrage

Bildungsnotstand Journalismus – Die Klimafrage

Wenn Medien ihre Aufgaben machen, dann erwarten wir eine korrekte Berichterstattung und ausgewogen sollte sie auch sein. Die Story im Ersten: Kinder machen Druck vom 17.02.20, erhebt diesen Anspruch (Klick hier – in der Mediathek ansehen). Und so beschreibt das Erste selbst diesen 43-minütigen Bericht selbst: “Es ist das dominierende Thema im Land: Klimaschutz. Für die einen reichen die geplanten Klimagesetze der Regierung bei weitem nicht aus, für andere gehen die Maßnahmen zu weit und bedrohen ihre persönliche Freiheit. Eine Reportage-Reise”. Der Beitrag erfüllt den Anspruch aber eher nicht, er dokumentiert eher den Bildungsnotstand im Journalismus. Wenn Energiewende- und Klimawissen nicht zum gefestigten Wissensschatz von Journalisten gehört, können die Anstalten ihrem Bildungsauftrag nicht nachkommen.

Für kritische Menschen ist damit eigentlich schon alles gesagt, den Machern geht es darum einen ausgewogen Bericht vorzulegen, der aber wegen einer false balance wahrscheinlich durchfallen wird. Und damit beginnt ein Framing, dass Journalisten mit dem Anspruch rechtfertigen werden, das alles richtig ist, weil man ja beide Seiten zu Wort kommen lässt.

Es ist mehr als ein Jahr her, dass Kinder, Jugendliche und Studenten begonnen haben in Deutschland, aber auch weltweit, freitags auf die Straße zu ziehen. In Deutschland haben sich über 26.000 Wissenschaftler zu Scientists4Future zusammengeschlossen. Und im Wesentlichen geht es darum, dass die Forderung nach einem weltweiten Klimaschutz nicht erst seit 2015 mit dem Pariser Klimaabkommen besteht. Sie ist mehr als 30 Jahre alt ist und die Politik hat nichts getan was den Klimaschutz heute vereinfachen könnte. Man hat das Problem vor sich hergeschoben. Dass es uns nun massiv vor die Füße fällt, ist nicht Schuld von Fridays for Future. Es waren doch immer nur die Umweltministerien, die die Sache angetrieben haben. Die wurden von der Wirtschaftspolitik regelrecht immer nur als Gedöns-Abteilungen abgetan.

Dass die Klimaerwärmung immer weiter fortschreiten würde, war doch aber bekannt. Wenn nun endlich die Medien durch Fridays for Future (FFF) wachgeküsst wurden, sich dem Thema Klimaschutz in einem ausreichenden Maß zu widmen, dann kann man das als Medienkonsument begrüßen. Allerdings lässt sich, wie in so vielen Sendungen, feststellen: Medien haben noch lange nicht ihre Hausaufgaben getan. Das Klimathema ist eines der wichtigsten überhaupt, denn es geht nicht mehr darum Auswirkungen auf Arbeitsplätze oder Wirtschaft zu betrachten, es geht schlicht und einfach um das Überleben der Menschheit. Fallen im Klima bestimmte Kipppunkte, bekommen wir sich selbst verstärkende Mechanismen, die nicht mehr einzufangen sind. Einer meiner Freunde sagt mir, wir haben eigentlich nur einen Versuch und der muss glücken.

Das, was Politik bisher in einem Jahr mit dem Klimaschutzpaket vorgelegt hat,  ist in keinster Weise ausreichend. Und das ist eben nicht nur die Einsicht nur von Kindern, das ist die Einsicht von Umweltgruppen und von der Klimawissenschaft. Dort wo unsere “Braunkohle-Unschuldigkeit” beginnt, beginnt auch die Unwissenheit und Unbedachtheit des Journalismus. Braunkohle ist von allen Energieressourcen die schädlichste und Deutschland ist nach wie vor der Weltmeister bei der Braunkohleverbrennung. Das Spielchen, bei dem auch die Medien stillschweigend mitmachen geht aber anders und es sorgt ein weiteres Framing. Und das lautet: Erstmal sollen doch die anderen Länder etwas machen. Deutschland hat nur einen geringen Anteil am CO2-Ausstoß. Sie bauen die vielen Kohlekraftwerke und lachen uns aus. Und auch hier ist man eher bereit wegzuschauen, als darüber zu berichten wie viele dieser Planungen von Kohlekraftwerken in China und Indien bereits wieder gestrichen wurden. Ganz davon abgesehen, dass China inzwischen die führende Nation in Sachen Solarenergie, Windenergie und E-Mobilität ist.

Und natürlich kommt der Bericht im Ersten gleich in den ersten 3 Minuten mit dem Arbeitsplatzargument. Zitat Sprecherin des Films aus dem off: “Für Lukas (Schüler, FFF), ist die Kohle eines der größten Hindernisse für kompromisslosen Klimaschutz. […] 2019 haben sie (FFF) das Thema (Braunkohleausstieg bis 2030) bis ganz oben auf die Agenda gebracht, durch wöchentliche Demos, Aktionen und Auftritte in Talkshows. Doch um die vermeintlich richtige Klimapolitik ist eine große Debatte entfacht. Diese Debatte sorgt in der Lausitz bei vielen nur eins: Verunsicherung. Braunkohle bringt hier nicht nur Strom, sondern auch Arbeit. 24.000 Jobs hängen von der Kohle ab”.

Allein diese Zahl bezeugt, die Macher des Filmes haben sich gar nicht mit der Problematik der Arbeitsplätze auseinandergesetzt. Eingeweihte Leser unseres Magazins können es eigentlich nicht mehr hören. Das Arbeitsplatzargument ist durch und durch vergiftet und verlogen. Dazu ein Bericht aus wissenschaft.de. über eine Studie des Öko-Institut.

Während es 1990 noch 100.000 Beschäftigte gab, sank ihre Zahl in den Folgejahren unter anderem durch die deutsche Einheit rapide ab, wie die Forscher berichten. 2015 arbeiteten noch rund 15.400 Menschen im Braunkohlebergbau und weitere 5400 Personen in den Braunkohlekraftwerken. Insgesamt betrug die Anzahl der Beschäftigten in der Braunkohlenindustrie etwa 20.800.
Zwei Drittel gehen ohnehin in Rente.
Das Entscheidende aber: Mehr als die Hälfte der im Braunkohlebergbau Beschäftigten sind heute schon über 50 Jahre alt. Bei den Braunkohlekraftwerken könnte es ähnlich aussehen, so die Wissenschaftler. Ein Großteil dieser Arbeitskräfte würde demnach bis 2030 ohnehin in Ruhestand gehen. „Diese Altersstruktur der Beschäftigten in der Braunkohleindustrie kommt einer Reduktion der energetischen Nutzung von Braunkohle entgegen“, erklären Hermann und seine Kollegen. Auch wenn die Förderung von Braunkohle bis zum Jahr 2030 stärker zurückgehe, seien daher kaum betriebsbedingte Kündigungen nötig.
Nach Ansicht der Forscher könnte der Kohleausstieg deshalb weniger Auswirkungen auf die Arbeitsplätze in der Braunkohleindustrie haben als bisher befürchtet. Denn der Strukturwandel weg von der Kohle hin zu erneuerbaren Energien verlaufe vor allem im Braunkohlebergbau entlang der natürlichen Altersgrenzen. Wenn nur die bereits beschlossenen Klimaschutzmaßnahmen der Bundesregierung umgesetzt würden, könnte die Beschäftigtenzahl bis zum Jahr 2030 um 30 Prozent auf etwa 14.500 sinken. Das könnte – sofern es keine Neueinstellungen gibt – vollständig durch in Ruhestand gehende Arbeitnehmer abgedeckt werden, wie Hermann und seine Kollegen erklären.
Kaum Kündigungen nötig?
Der ursprüngliche Klimaschutzplan der Bundesregierung ist allerdings ehrgeiziger, nach diesem sollten die CO2-Emissionen im Stromsektor bis zum Jahr 2030 um rund 62 Prozent gegenüber 1990 sinken. In diesem Szenario würden dann noch rund 8.000 Personen in der Braunkohlenindustrie arbeiten, wie die Forscher ausrechneten. Ihrer Meinung nach könnten aber auch die dadurch wegfallenden Arbeitsplätze größtenteils sozialverträglich über den Renteneintritt oder Frühverrentungen abgebaut werden. „Die Gefahr zahlloser Kündigungen ist sehr gering. Vielmehr kann der Struturwandel in den Braunkohlerevieren mit der Ansiedlung neuer, zukunftsfähiger Unternehmen gestaltet werden“, so Hermann. Auch die Rekultivierung der Tagebaue schaffe neue Arbeitsplätze.

Wenn solche falschen Zahlen genannt werden, im Gegenzug dann noch nicht mal die volkswirtschaftlich völlig unnütze Zerstörung der Photovoltaik-Industrie mit 80.000 Arbeitsplätzen thematisiert wird und nun das Schicksal der Windenergie in der wieder 40.000 bis 60.000 Arbeitsplätze fallen werden auch ausgeblendet bleibt, so muss man diesen Bericht hochgradig problematisch und tendenziös nennen. Dass wir das nicht das erste Mal erleben, wisssen viele Zuschauer inzwischen. Wenn abgehalfterte Klimawissenschaftler versuchen den anthropogenen Klimawandel zu relativieren und gegen eine  Klimahysterie zu Felde ziehen, der Talkmaster Plasbeck diesen Gimp aber nicht stoppt, dann zeigt sich ganz deutlich, dass Journalismus etwas aufzuholen hat. Eigene Bildung in Sachen Klimawandel und Energiewende. Dazu der Artikel Klimanotstand – Wissenskrise Journalismus.

Wäre die Situation nicht so dramatisch, ließe ich mir gern Panikmache vorwerfen. Aber die Wissenschaftler für Zukunft sagen es eindeutig. Wir haben keine Zeit mehr. Deshalb haben wir noch weniger Zeit so in den Medien weiter zu machen. Dazu ein Auszug aus der Bundespressekonferenz der Scientists for Future vom 12.03.2019.

Wir müssen also einsehen, Medien bzw. Journalisten haben große Wissenslücken und können ihrem Bildungsauftrag nicht nachkommen. Damit erreichen Medien das Gegenteil, von dem wofür wir sie bezahlen.

Hier ein Diskussionsvorschlag von Hans-Hermann Hirschelmann, einem Soziologen aus Berlin:

Bildungsauftrag in Zeiten der Klimakrise – wahrnehmen!

Ein Weckruf an die Programmverantwortlichen der öffentlich rechtlich verfassten Medienanstalten in Deutschland (Entwurf)

Die mit dem Industriezeitalter einsetzende Verstärkung des Treibhauseffektes hat bereits zu einer Erwärmung von mehr als 1 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau geführt, und schon sind die Folgen nicht mehr zu übersehen. Ab 1,5 Grad wird nach dem heutigen Stand der Wissenschaft mit dem Absterben der Korallenriffe gerechnet mit unübersehbaren Konsequenzen für die Entwicklung der Fischpopulation. Jedes zehntel Grad verstärkt die Gefahr des Überschreitens von Kipppunkten, die nicht mehr beherrschbare Rückkopplungen in Gang setzen, in dessen Verlauf etwa der Meeresspiegel um mehrere Meter steigen könnte. Das mit dem Abkommen von Paris beschlossene Ziel, die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad möglichst 1,5 Grad zu begrenzen, ist schon ein Kompromiss zwischen Notwendigkeit und politischer Opportunität.

Business as usual ist zu einer ernsten Bedrohung geworden. Alle Instanzen der Gesellschaft müssen die globale Erwärmung und andere Symptome eines unbeherrschten globalen Stoffaustausches als die – letztlich – für alle existenzbedrohende Krise behandeln, die sie tatsächlich darstellen.

Ein Ruck muss durch die Medienlandschaft gehen!

Hierbei kommt neben den privaten Print- und Onlinemedien, TV und Radiosendern insbesondere den öffentlich-rechtlich verfassten Medienanstalten eine besondere Verantwortung zu. Ihr „Bildungsauftrag“ gilt es als Verpflichtung zu sehen, seine spezifischen Möglichkeiten in den Dienst der Selbstaufklärung aller Sektoren der Gesellschaft zu stellen, sprich

Zwar haben ARD, ZDF und der öffentlich rechtliche Rundfunk sie seit Beginn der öffentlichen Diskussion um den anthropogenen Treibhauseffekt gegen Ende der 1980er Jahre wichtige Beiträge zur Aufklärung geleistet. Insgesamt aber muss konstatiert werden: An keinem Punkt innerhalb dieser Jahrzehnte gab es eine Situation, in der der klimapolitische Ruck durch Funk und Fernsehen gegangen wäre, wie er zweifellos notwendig gewesen wäre.

Besonders die Talkshows haben das Thema in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten fast vollkommen ausgeklammert oder sie haben, einem schematischen Verständnis von Ausgewogenheit folgend, die Gefahr sogar herunter geredet.

Deshalb brauchen wir jetzt inen wöchentlichen ARD/ZDF-Fernsehtalk, der nicht nur ein Abbild der Wirklichkeit ist, sondern Wirklichkeit gestalten will: einen Talk for Future, bei dem Wissenschaft und praktische Bemühungen um Klimaschutz im Zentrum stehen und es ausschließlich um gute Ideen zur Bewältigung der großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts geht.
Notwendige Maßnahmen wären etwa:

• Regelmäßige Fortbildung ALLER Mitarbeitet (nicht nur der Fachkollegen aus der Umweltnische)
• Alle Verträge mit privaten Content Anbietern müssen Verpflichtungen zur qualifizierten Berichererstattung enthalten
• Klima-Wasserstanndsmeldungen vor Acht
• Eine regelmäßige große Klima-Europashow, angelehnt an die Spiel ohne Grenzen Shows aber ohne Schmierseifenwettkämpfe
Bild könnte enthalten: Gras, Stadion, im Freien und Natur.
Zitat Ende.

Die Sendung hat den Titel “Kann die Klimafrage das Land spalten”? Ich würde an dieser Stelle zum Abschluss gern noch fragen: wir haben 4,4 Mio. Kinder in Deutschland die in Armut leben. Hohe Stromkosten bedrohen den armen Teil der Gesellschaft. Stromkonzerne können keine wirklichen Gründe nennen für den aktuellen Strompreisnachschlag, den man sich gerade genehmigt hat. Anscheinend nutzt es aber Druck auf die Armen zu machen, denn der Hartz4-Satz ist mit den Strompreisrechnungen nicht gestiegen. Strompreise hätten aber gar nicht steigen müssen, vor allem nicht in dem Maß wie wir es erlebt haben, mit der Begründung die Erneuerbaren hätten den Strompreis steigen lassen. Das EEG-Paradoxon besagt das Gegenteil. Dazu muss man einfach mal “ZDF die Anstalt – EEG-Paradoxon” im Internet suchen. Man hat immer schon zum Erhalt des eigenen Geschäftsmodells die Armen gegen den Ausbau der Erneuerbaren aufgebracht. Liebe Journalisten – Welches Spaltung meint ihr? Auch das EEG-Paradoxon gehört zur Bildungslücke bei den Journalisten. Interessant könnte sein, zu recherchieren wer sich für diese Spaltung am schnellsten eingebracht hat? Kleiner Tip, die Partei, die damals sofort aufsprang, fängt mit einem F an.

Sonnige Grüße
Klaus Müller
Energiewende-Rocken

Dieser Artikel ist auch auf eemag, dem Online-Magazin der FB-Gruppe Europäische Energiewende erschienen


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