Mercy-014 der kleine Trick mit der Primärenergie

“Mercy-014 der kleine Trick mit der Primärenergie” heißt unser heutiges Lord have Mercy, in dem wir mal wieder einen Aufreger zeigen und entlarven. Es geht um Primärenergie – Primärenergieverbrauch – Primärenergiebedarf – Sektorkopplung

Primärenergieverbrauch 2017 BMWI

Grafik 1

In manchen Veröffentlichungen hören wir, dass die Erneuerbaren im Vergleich zur Primärenergie noch sehr viel aufholen müssen. So hat z.B. das BMWI eine aktuelle Aufstellung (Stand Jan. 2018) herausgegeben und Erneuerbare mit anderen Energien (Gas, Kohle, Mineralöl, Kernenergie usw.) in einer Liste bzw. Grafik aufgestellt. In der Grafik 1 sieht man nun deutlich, dass die Erneuerbaren derzeit einen Anteil von nur 13,2 Prozent haben.  Hier können sie sich die Veröffentlichung des BMWI als PDF ansehen.

Glauben ist nicht Wissen

Da kommt man sehr schnell in die Versuchung zu glauben, dass noch 86,8 Prozent an Erneuerbaren Energien dazu gebaut werden müssten, um den gesamten Energiesektor sauber zu machen. Das wird auch gern in bestimmten Internetforen so verbreitet um zu beweisen, Erneuerbare wären noch immer am Anfang und sie wären aber für diesen “mickrigen” Erfolg übermäßig gefördert worden. Das wird inzwischen auch in der Politik von einigen Seiten so kommuniziert. Journalisten können aufgrund ihrer Unkenntnis und der Komplexität des Themas, dem wenig entgegensetzen.

Das Bild was sich daraus ergibt ist aber für eine realistische Betrachtung untauglich. Was ist eigentlich Primärenergieverbrauch?

Dazu Wikipedia:

“Primärenergieverbrauch (PEV) ist der Verbrauch von Primärenergie, den ein Vorgang erfordert. Der Primärenergieverbrauch ergibt sich aus dem Endenergieverbrauch und den Verlusten, die bei der Erzeugung der Endenergie aus der Primärenergie auftreten.

Volkswirtschaftlich gesehen ist der Primärenergieverbrauch die gesamte einer Volkswirtschaft zugeführte Menge an Primärenergie. Sie wird in der Regel für einen Zeitraum von einem Jahr ermittelt.”

Primärenergie ist also die Gesamtenergiemenge die eingesetzt wird inklusive aller Verluste und zwar für alle Energiesektoren.

Rechnet man die Verluste ab, kommt man auf die Endenergie. Doch wie hoch sind die Verluste? Wo treten sie auf und wie kann man sie vermeiden?

Verluste und Effizienz

Bei jedem Umgang mit Energie treten Verluste auf. Jeder hat schon einmal davon gehört, z.B. wenn er sich nach einem neuen Haushaltsgerät umschaut. Da kann man zwischen bestimmten Effizienzklassen wählen. Die effizientesten Geräte sind die sparsamsten. Sie haben also am wenigsten Verluste. Aber wir haben es im Alltag nicht nur bei elektrischen Geräten mit Effizienz zu tun. Auch Autos besitzen eine Effizienz. Was wenige wissen, die Effizienz bei Autos ist besonders schlecht, und zwar bei allen Autos mit Verbrennungsmotoren. Hersteller rühmen das neueste Modell zwar ständig, am sparsamsten zu sein, aber wir wissen alle, die Angaben sind getürkt und haben mit der Praxis nichts zu tun. Wie schlecht die Effizienz tatsächlich aber ist erschließt sich uns kaum.

Das Auto- ein rollender Heizkörper

Klimawandel-Kurve-kriegen-sfv-

Grafik 2 – Kurve kriegen

Hersteller von Diesel-Autos prahlen geradezu mit einer hohen Effizienz und manchmal hört man, ein neuer Diesel hätte einen Wirkungsgrad von fast 40 Prozent. Der Wirkungsgrad ist das Verhältnis von eingesetzter Energie (Dieselkraftstoff) zu abgegebener Bewegungs-Energie an den Rädern. Ein Liter Diesel enthält ca. 10 Kilowattstunden (kWh) Energie. Danach würden 4 kWh also 0,4 Liter die Räder antreiben und 6 kWh oder 0,6 Liter als Verluste entstehen. Diese Verluste sind Wärmeenergie, die über den Kühler des Autos verloren gehen. Wir würden jetzt schon sagen, das ist ein schlechtes Verhältnis. Aber die 40 Prozent sind ein theoretischer Wert, der nur bei Idealbedingungen auf dem Prüfstand erreicht wird. In der Praxis kommen Diesel-KFZ kaum an 20 Prozent Wirkungsgrad heran, Benziner liegen noch etwas weniger.

Das ist ein wichtiger Faktor bei unserer Primärenergiebetrachtung. Der Bereich Mineralöl, in der Nutzung der Mobilität, würde sich mit effizienteren Autos enorm verringern. Würden wir effizientere Autos mit einem Wirkungsgrad, sagen wir von 80 Prozent nutzen, ergäben sich enorme Einsparungen. Verbrennungsmotoren werden aber aus physikalischen Gründen solch einen hohen Wirkungsgrad nie erreichen können.

Elektroautos haben sogar einen etwas höheren Wirkungsgrad als 80 Prozent. Wir kennen also Wege wie wir mit viel weniger Energie zum gleichen Ergebnis kommen würden.

Energieverbrauchssektoren

Und damit sind wir auch bei den einzelnen Energieverbrauchssektoren. Die teilt man grob in drei Sektoren auf:

  • Wärme
  • Mobilität
  • Strom

Wenn wir uns den Sektor Wärme anschauen, dann sehen wir etwas ähnliches. Der Wärmebedarf unserer Häuser kann gewaltig gesenkt werden, wenn wir Verluste minimieren. Zum Einen ginge das durch eine bessere Dämmung und zum anderen durch den Einsatz von effizienteren Heizungen (Wärmepumpe). Damit würde man den Verbrauch durchaus um 2/3 senken können.

Beim Sektor Strom haben aber nun auch ein ähnliches Phänomen. Herkömmliche Stromerzeugung mit Großkraftwerken haben auch sehr hohe Verluste bei der Stromerzeugung. Und auch hier liegen diese im Bereich Wärme. Man will Strom erzeugen aber erzeugt automatisch etwa 2/3 an Wärme zusätzlich, die man gar nicht gebrauchen kann und muss sie über große Kühltürme vernichten. Das haben wir sowohl bei Kernkraft- Gas- oder Kohlekraftwerken. Flüsse werden meist zusätzlich zur Kühlung genutzt. Fallen die im Sommer trocken, muss das betroffene Kraftwerk abgeschaltet werden.

Es gibt zwar kleinere Unterschiede, denn einige Kraftwerke können, vor allem im Winter, ihre überschüssige Wärme in Fernwärmenetze schicken um damit Haushalte und Industrien zu beheizen, im Schnitt bleibt aber trotzdem der schlechte Wirkungsgrad von ca. 30 Prozent.

Die ingeneurtechnische Idee der Energiewende ist nun die, all diese Verluste zu verhindern, indem man sie ab besten gar nicht entstehen lässt. Und das geht vor allem mit erneuerbaren Energien aus Wind und Sonne. Hier haben wir keine Wärmeverluste bei der Stromerzeugung bzw. so geringe, dass wir sie für unsere Betrachtung komplett vernachlässigen können. Verluste entstehen allerdings auch in solch einem System z.B. bei der Speicherung entstehen.

Energie-Sektorkopplung im Vergleich

Sektoren IZES

Grafik 3 – Energiesektoren

Das IZES – Institut für ZukunftsEnergieSysteme, hat eine Studie Veröffentlicht und teilt die Energiesektoren (inkl. Primärenergie), wie in nebenstehender Grafik zu sehen ist, auf. Die Studie kann man hier herunterladen.

Energiesektorlopplung im Vergleich

Grafik 4 – Unterschiede in der Effizienz

Daraus haben wir eine andere Grafik entwickelt, die die Energie-Sektorkopplung im bestehenden System und eine mögliche nach der Energiewende zeigt. Vom Endzustand her betrachtet ergibt sich nun folgendes Bild. Mit der Energiewende werden alle drei Energiesektoren nur noch mit Strom bedient. Vorher wurden sie mit unterschiedlichen Energie versorgt (Gas, Kohle, Erdöl, Uran).  Genau dadurch können Verluste minimiert werden und der Energiebedarf drastisch gesenkt werden. Das Ergebnis kann folgendermaßen aussehen (Grafik 4).

Sektorkopplungsstudie Prof Quaschning

So ähnlich beschreibt es auch Prof. Volker Quaschning in seiner Sektorkopplungsstudie. Zitat:

Beim Pariser Klimagipfel wurde beschlossen, die globale Erwärmung möglichst auf 1,5 °C zu begrenzen, um die Folgen des Klimawandels noch in einem vertretbaren Ausmaß zu halten. Dazu ist eine Reduktion des energie­bedingten Kohlendioxid­ausstoßes gegen 2040 auf null erforderlich. Danach darf kein fossiles Erdgas, Erdöl und keine Kohle mehr genutzt werden oder das zu viel emittierte Kohlendioxid muss mit aufwändigen und kostenintensiven CCS-Verfahren wieder der Atmosphäre entzogen und endgelagert werden. Die Energieversorgung in den Sektoren Strom, Wärme und Verkehr sollte daher bis 2040 vollständig mit erneuerbaren Energien gedeckt werden.

Die Potenziale für Biomasse, Geothermie und Solarthermie sind in Deutschland begrenzt. Darum muss der wesentliche Anteil der künftigen Energieversorgung durch Strom aus Windkraft und Photovoltaik­anlagen gedeckt werden. Bei gleichbleibenden Verhaltens- und Konsummustern steigt dadurch der Stromverbrauch von derzeit rund 600 TWh auf gut 1300 TWh an. Voraussetzung sind ambitionierte Effizienzmaßnahmen. Der motorisierte Straßenverkehr muss fast vollständig elektrifiziert werden. Gegen 2025 müssen dafür die Produktion von Fahrzeugen mit Benzin- und Diesel­motoren eingestellt und für den Güterverkehr wichtige Fernstraßen mit Oberleitungen versehen werden. Im Wärmebereich dürfen ab dem Jahr 2020 keine neuen Gas- oder Ölheizungen sowie KWK-Anlagen installiert werden. Aus Effizienzgründen wird künftig der überwiegende Anteil der Raumwärme durch Wärmepumpen gedeckt.

Effizienzmaßnahmen

Werden die Effizienzmaßnahmen nicht umgesetzt, steigt der Strombedarf auf bis zu 3000 TWh an. Diese Strommenge in absehbarer Zeit klimaneutral zu decken ist unrealistisch. Selbst für einen Strombedarf von 1300 TWh muss das Ausbautempo von Solar- und Windkraftanlagen deutlich steigen. Bei der Onshore-Windkraft liegt der empfohlene jährliche Nettozubau bei 6,3 GW, bei der Offshore-Windkraft bei 3 GW und bei der Photovoltaik bei 15 GW. Zur kosteneffizienten Integration dieser erneuerbaren Kraftwerks­leistungen muss ein Kohleausstieg bis spätestens 2030 erfolgen.

Mit den heutigen Zielvorgaben aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz besteht keinerlei Möglichkeit, die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen. Das ist den politischen Verantwortlichen entweder nicht bewusst oder sie nehmen ein Verletzen der Klimaschutz­verpflichtungen bewusst in Kauf oder setzen auf eine nachträgliche Korrektur durch CCS-Technologien. Da keine dieser Optionen gesellschaftlich tragbar ist, sind schnelle und einschneidende Korrekturen der Energiepolitik dringend erforderlich.

Primärenergie – Primärenergieverbrauch – Primärenergiebedarf

Bleibt eine Frage offen: Weshalb bezeichnet das BMWI seine Grafik mit “Primärenergieverbrauch in Deutschland 2017”. Es handelt sich eindeutig um den Primärenergiebedarf und den können wir drastisch verringern, aber da muss ich mich nicht wiederholen.

Sonnige Grüße
Euer Klaus Müller

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