Das Speicherproblem – das keines ist – wahnsinnig viel politischer Sprengstoff?

Das Speicherproblem – das keines ist – wahnsinnig viel politischer Sprengstoff?

Die sonne scheint nicht und der Wind bleibt auch aus. Ein Horrorszenario für die Energiewende, meinen Menschen, die sich das erste Mal ein wenig mit der Energiewende beschäftigen. Fachleute sprechen von der Dunkelflaute und mit diesem Argument steht dann fest: Energiewende geht nicht, es sei denn wir hätten Speicher.

Prof. Sinn rechnet dann auch auf Youtube für alle verständlich vor: Diese Energiewende führt ins nichts, Speicher haben wir nicht genug und wenn dann sind sie zu teuer. Dass der Professor irrt und wissenschaftlich widerlegt ist, spielt nicht die Rolle, denn was zählt, ist nicht eine wissenschaftlich korrekte Berechnung, die dann das Gegenteil belegt. – Nein, das Meme steht, die Reichweite der Aussage ist erreicht und damit haben wir einen Mythos.

Es geht tatsächlich um die Verbreitung alter Parolen, die die Energiekonzerne immer schon für den Eigenschutz verwendet haben. [Das Speicherproblem erkläre ich zum Schluss].  Nur so werden wir nicht weiter kommen. Wenn Energiekonzerne so unglaublich wenig für die Energiewende getan haben aber heute so tun, als wären sie die Erfinder der Energiewende, dann läuft eindeutig etwas schief. Die Öffentlichkeit geht von festen festen Kosten einer Energiewende aus. Und das soll gefälligst auch so bleiben. Dass technische Neuerungen und die Ankurbelung von Massenproduktion aber zu Preissenkungen führen, soll möglichst unbekannt bleiben.

Die Wirtschaftswissenschaften haben aus den Erfahrungen von Generationen empirisch ein Gesetz hergeleitet, die Lernkurve. “Jede Verdoppelung der weltweit insgesamt hergestellten – der kumulierten – Menge führt zu einem Rückgang der Stückkosten um einen produktspezifischen festen Prozentsatz. (Anmerkung: Für den produktspezifischen festen Prozentsatz wird in der Literatur ein Wert zwischen 15 und 20 Prozent angegeben.)”. Dass damit z.B. die drastische Senkung der Solaranlagen um den Faktor 20 in nur 30 Jahren möglich wurde und Solarenergie heute die allerbeste Möglichkeit ist, sich selbst mit billigstem Strom zu versorgen, stellt aber keine Option für das Überleben der Stromkonzerne dar. Privatleute bekommen damit die Möglichkeit eine eigenen Stromproduktion für die es keine wirtschaftlichere Alternative gibt.

Medien, Journalismus und Mythen

Wenn Medien und Journalismus weiterhin solche Mythen bedienen oder sich daran beteiligen solch Mythen zu verbreiten, kann ein notwendiger Bildungsprozess nicht stattfinden und wir erleben am laufenden Band Scheindebatten. Solche Mythen leben lange. Und es werden dann gern weitere Mythen geschaffen, die auf diesen alten Mythen aufbauen. Technologieoffenheit ist so ein weiterer Mythos.

Als Beweis angeblicher Probleme die die Energiewende hat, wird gern die angebliche Überkapazität der Windenergie im Norden an der Küste angeführt. Die führt immer wieder wegen fehlender Stromtrassen zu Abschaltungen von Windrädern, was natürlich ärgerlich ist. Techniker kennen dagegen ein Mittel und das heißt aber nicht Trassenausbau. Es heißt Sektorkopplung im Bereich Wärme. Damit lässt sich überschüssiger Windstrom gut, elegant und billig in den Sektor Wärme, also Industriewärme verschieben. Windräder können weiterdrehen und Strom herstellen, der in den Industriebetrieben dann zum Abschalten von Gas- oder Ölbrennern sorgt.

Sektorkopplung

Das ist viel besser, als für Windstrom Vergütungen bezahlen zu müssen, dessen Strom aber nicht erzeugt werden kann wegen noch fehlender Netze. Super billig ist es zudem und dieser Strom hat dann sogar Einnahmen, denn er kann verkauft werden und für die Industriebetriebe ist es auch billiger, weil man den Strom sehr günstig abgeben kann. Eine win-win-win-Situation. Der Energiewende, den Betrieben und dem Bürger wäre geholfen, denn er verstünde das erste Mal, dass Energiewende auch sehr clevere Lösungen bietet, auch wenn es mal Probleme gibt. Und Bürger würden diese zusätzlichen Kosten nicht mehr tragen, sie würden entlastet. Das ganze nennt sich Sektorkopplung und die müssen wir sowieso früher oder später angehen. Machen wir es früher…

Bleiben diese Mythen erhalten, werden wir Menschen nicht oder schwerer gewinnen notwendigen Klimaschutz mit einzufordern. “Energiewende ist teuer” und dementsprechend “muss sie noch teurer werden”. Das ist es was Konzerne sich wünschen, das es gedacht wird, damit alte Geschäftsmodelle noch möglichst lange funktionieren. Und es passt in die politische Agenda, von Seiten der Bundesregierung, denn damit kann man Klimaschutzpläne vorlegen, die das Papier auf dem sie gedruckt werden nicht wert sind und so tun als hätte man sich richtig entschieden, man muss ja die Belastung für die Bürger niedrig halten.

Es ist ein Schmierentheater, wenn Politik sich nicht traut zuzugeben, dass sie in Wirklichkeit die Energiewende hinausgezögert haben und es nun weiter tun. Alte Stromkonzerne, die noch ein bisschen leben wollen, werden geschützt, aber wir müssen diese Mythen auf den Müllhaufen der Geschichte werfen wenn wir Klimaschutz ernst nehmen.

Mangel oder Überschuss

Bei der Energiewende wird immer von einer Mangelsituation ausgegangen. Wind- und Sonnenenergie sind nicht immer da, aber sie sind unendlich vorhanden im Gegensatz zu konventionellen Energien. Und bei den gesunkenen Kosten für die Anlagen sind sie auch in Deutschland attraktiv, rentabel und leistungsfähig.  Diese Anlagen haben vor allem den Vorteil, dass der Energieträger selbst nichts kostet. Das macht diese Energieform zu einer ernsthaften Bedrohung für Konzerne, die nur ihr altes Geschäftsmodell kennen und verzweifelt nach einem neuen suchen. Verständlicherweise sind wir leider alle aber weiterhin in dieser veralteten Logik verhaftet. Das gilt sowohl für Entscheidungsträger in der Politik, als auch im allgemeinen Journalismus, der dringend über notwendige Veränderungen und Strategien berichten müsste. Woher aber sollte er das denn nehmen?

Energiewende hat keine Lobby, alte Energiesysteme schmeißen dagegen mit Lobbygeldern nur so um sich und haben ihre Vertreter fest in Politik und Gesetzgebung verankert. Melden sich dann unabhängige Experten und Wissenschaftler, so wird das als eine Meinung von vielen dargestellt und damit recht schnell als Außenseitermeinung abgestuft. Gehör finden sie aber fast nie. Und wenn die PR-Maschine der alten Konzerne dann weiter läuft und ein neuen PR-Artikel nach dem anderen auf die Tische der Journalisten knallt, dann hat Aufklärung so gut wie keine Chance.

Fragt die Fachleute

Wie lautet noch mal die Forderung von Greta Thunberg und FidaysForFuture? Fragt die Fachleute, Wissenschaftler und Experten. FFF und Greta meinten damit aber nicht die Experten der alten Konzerne und auch nicht deren Lobbyberater. Was die verkünden erleben wir Tag für Tag und damit wird es nie gelingen Klimaschutz und Energiewende zusammen zu denken. Doch genau das ist JETZT und HIER notwendig.

Am Beispiel der Verkündigung der neuen EEG-Umlage haben wir es wieder erlebt. Die EEG-Umlage steigt, meldete die Tagesschau am 15.10.2019. Und sie brauchte es nicht mal mehr erwähnen, so gut ist das Meme verankert: Schuld sind die Erneuerbaren.

Die Falle hat längst zugeschnappt aber die Erneuerbaren sind eben nicht daran schuld, dass wir immer höhere Strompreise bezahlen. Schuld ist ein völlig unpassendes Vermarktungssystem der Erneuerbaren an der Strombörse. Wir berichteten darüber bereits in vielen Artikeln und erstmals berichtete es auch “Die Anstalt” vom ZDF am 1.10.2019. Und man muss sagen, dabei ist diese Geschichte mittlerweile 10 Jahre alt, und niemand in den Medien fühlt sich dafür zuständig darüber zu berichten. Welchen Sinn hat dann noch Journalismus?

Dr. Dietrich Krauß, der dritte Mann in DIE ANSTALT

Dazu Dr. Dietrich Krauß, der dritte Mann in der Satiresendung DIE ANSTALT vom ZDF. Er ist Journalist u. Redakteur und zuständig für die Recherche zu den Sendungen und er spricht in einer aktuellen Diskussion auf der Frankfurter Buchmesse – Buchkomplizen – Zitat:

“Ganz aktuell, wir hatten jetzt einen Bericht, wie dieses EEG zustande kommt (gemeint ist die EEG-Umlage). Also ein ganz unsexy technisches Thema aber wo wahnsinnig viel politischer Sprengstoff drinnen steckt. Diese Erneuerbare-Energien-Umlage, die jeder auf seiner Stromrechnung hat, ist völlig absurd konstruiert. Sie wird quasi um so teurer umso erfolgreicher der Ökostrom ist. Aber die Wirkung dieser Umlage ist so, dass alle Leute denken, oh, der Ökostrom, der kostet mich aber ganz schön viel Geld. Was ist denn da los? – Es wird quasi ein Instrument so auf den Kopf gestellt, dass es zu Propaganda taugt gegen die Erneuerbaren Energie.

Und wir machen dann eine Sendung eine halbe Stunde lang, wo wir versuchen dieses absurde, das sogenannte EEG-Paradoxon, zu erklären und eine Woche später ein paar Tage später kommt wieder die Meldung, die Stromrechnung steigt wegen der EEG-Umlage und kein Medium nimmt sich mal die Zeit dieses blöde Ding auseinander zu nehmen und zu gucken, warum steigt die denn? Weil die Betreiber dieser Erneuerbaren kriegen gar nicht mehr Geld, das geht wo anders hin. Aber in diesen eingefahrenen Gleisen wird dann einfach die Meldung vermeldet ohne Hintergründe zu liefern…”. Zitat Ende.

Das angebliche Speicherproblem – abhängige und unabhängige Experten

Ja und das gleiche finden wir auch bei den Speichern. Jeder glaubt mit dem Argument von fehlender Sonne und Wind hätte er verstanden worum es geht. Bisherige Kraftwerke sind in der Lage Strom rund um die Uhr zu liefern –  Erneuerbare können das nicht. Speicher sind also erforderlich. Aber wenn Speicher zu teuer sind oder keinen Platz finden, dann kann die Energiewende eben nur scheitern. Thema erledigt, so einfach ist das. Man glaubt also tatsächlich, dass Ingenieure, Techniker, Physiker, Versorgungsspezialisten usw. nicht in der Lage wären so etwas sinnvoll zu planen und zu berechnen. Das muss man erst einmal sacken lassen und verdauen.

Welche Speicher wir brauchen und welche Aufgaben dabei erfüllt werden müssen, ist dann überhaupt nicht mehr die Frage. Irgend jemand stellt die Behauptung auf, Speicher sind zu teuer oder schaden der Umwelt und man braucht nicht mehr weiter zu diskutieren. Dabei ist genau die Speicherfrage das Hauptthema der Energiewende überhaupt in allen wissenschaftlichen Planungen. Und sie wurde als allererstes mit in die Berechnungen von unabhängigen Experten eingerechnet. Wäre das nicht so, gäbe es keine anerkannten Lehrstühle, Hochschulen und Universitäten für Erneuerbare Energie und auch nicht diesen Ausbildungspfad. Und selbstverständlich gibt es diese Lösungen für Deutschland!

Wo aber sind eigentlich die Berechnungen der abhängigen Experten der Konzerne zu den Speicherlösungen? Die betätigen sich im Höchstfall als Bedenkenträger und haben aber keine eigene Lösungen. Weshalb nicht? Solche Lösungen führen dazu, dass ihr altes Geschäftsmodell recht schnell und unwiderruflich zerstört wird. Übrig bleiben könnte ein kleineres Stück, wenn sie denn weiterhin im Strommarkt teilhaben wollen, aber selbst das hat dann nie wieder etwas mit geschützten monopolistischen Strukturen zu tun. Energiewende ist die Demokratisierung und Massenbeteiligung am Produkt Energie. Ein Produkt aber, das von jedem hergestellt und genutzt werden kann ist in dem Sinne kein Produkt mehr. Produkte sind dann nur noch die Gerätschaften (Solar- und Windanlagen), mit denen man das Produkt selbst herstellt.

Kauft Euch Apfelbäume statt Äpfel – wir haben den größtmöglichen Speicher bereits.

Mit diesem Slogan wird dann auch klar, weshalb alte Energiekonzerne keine Lust haben Solarmodule zu bauen oder Akkus herzustellen. Dies würde ihren Untergang beschleunigen und sie von einem sicheren Markt auf den freien Markt drängen, wo es um Risikobereitschaft geht.

Und hier die Kurzbeschreibung zum Aufbau der Energiewende und der Verwendung von Speichern. Am besten versteht man es, wenn man es vom Ende her betrachtet. Am Ende, wenn wir alles erreicht haben, müssen wir einen Langzeitspeicher haben, der alle drei Bereiche der Energieversorgung (Strom, Wärme und Mobilität) sowohl in den Haushalten als auch in Produktion und Wirtschaft in der Dunkelflaute versorgen kann. Die haben wir im Winter, wenn es kalt ist und ein höherer Energiebedarf für wenige Wochen besteht. Diesen Speicher gibt es bereits, es ist das Gasnetz und die darin befindlichen Kavernenspeicher sind groß genug, dass wir uns aus diesem Netz jetzt für fast 4 Monate versorgen können.

Dieser Speicher wird dann aber ein Methangas und kein fossiles Erdgas mehr enthalten. Das wird aus dem Strom der überschüssigen Sonnen- und Windenergie im Frühling, Sommer und Herbst hergestellt. Um in der Dunkelflaute wieder Strom (auch für die Mobilität und für die Wärme) herzustellen, muss dieses Gas rückverstromt werden. Das geschieht in Gaskraftwerken und Blockheizkraftwerken. Im Frühling, Sommer und Herbst, der Herstellungszeit für dieses Gas, brauchen wir aber auch Kurzzeitspeicher, die Strom vom Tag in die Nacht verschieben können. Das werden dann Akkuspeicher sein. Wir werden also Gaskraftwerke weiter gebrauchen in der Energiewende. Genau deshalb braucht man auch keine Angst vor einem Blackout verbreiten. Es gibt noch ein paar andere kleinere Bausteine die zur Energiewende gehören. Zum Verständnis habe ich vier kürzere Videos herausgesucht.

 

Sonnige Grüße

Euer Klaus Müller


Weiterführende Links:
http://www.kombikraftwerk.de/ Eine wissenschaftliche Arbeit über mehrere Jahre mit einem sehr hohen Praxisanteil des Fraunhofer Institutes IEE (vormals Fraunhofer IWES). Sehr umfangreich dokumentiert auch mit schönen Animationen

https://www.volker-quaschning.de/publis/studien/sektorkopplung/index.php Volker Quaschning: Sektor­kopplung durch die Energie­wende. Sehr gut und allgemeinverständliche kurze Studie (38 Seiten) zur Energiewende zum Download.

 

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*