Mercy#003 Faktencheck – endlich

Lord have mercy – warum das denn wieder?

Kreuzfahrtschiffe - FaktenscheckLord have mercy#003 befasst sich mal wieder mit alternativen Fakten. Es geht immer noch um die deutsche KFZ-Industrie mit ihrem Dieselproblem. Und nun tauchen immer und immer wieder so tolle Behauptungen und Bildchen auf, der Diesel wäre ja nicht so schlimm, Kreuzfahrtschiffe wären viel schlimmer. Vor allen in den sozialen Medien, so wie wir es hier sehen.

Klar bei solch einer Darstellung kann man nicht anders als zustimmen. Zwar sollte man die Dinge die es zu verbessern gibt nicht gegeneinander ausspielen, so wie im Kindergarten, “der darf das, warum darf ich ‘s nicht?”, aber ganz so einfach ist es nicht. Das ist mir erst viel später klar geworden, nachdem ich einen Artikel in der ZEIT gelesen hatte. Tatsächlich wurde hier ein Mem* gesetzt, absichtlich oder unabsichtlich wäre noch die Frage.

Mercy#003 Faktencheck – endlich

“Die 15 größten Schiffe machen mehr Dreck als alle Autos der Welt zusammen.” Das klingt spektakulär, aber stimmt es auch?

Die Behauptung geht auf ein Zitat zurück, das der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) schon 2012 verbreitet hat, zum Auftakt seiner Kampagne “Mir stinkt’s – für eine saubere Kreuzschifffahrt”. Es lautete wörtlich: “Die 15 größten Seeschiffe der Welt stoßen jährlich mehr schädliche Schwefeloxide aus als alle 760 Millionen Autos weltweit.”In den sozialen Medien hat die Behauptung gerade mal wieder Konjunktur, angeheizt von der Debatte um schmutzige Dieselautos. Die Einschränkung auf Schwefeloxide ging verloren, stattdessen ist jetzt oft allgemein von Schadstoffen die Rede, in manchem Debattenforum sogar von CO₂. Doch am weltweiten Ausstoß dieses wichtigsten Treibhausgases hat der Schiffsverkehr nur einen Anteil von drei, der Straßenverkehr aber von 17 Prozent. Und pro Passagier oder nach transportiertem Gewicht erzeugt kein Verkehrsmittel weniger CO₂ als ein Schiff.

In den sozialen Medien hat die Behauptung gerade mal wieder Konjunktur, angeheizt von der Debatte um schmutzige Dieselautos. Die Einschränkung auf Schwefeloxide ging verloren, stattdessen ist jetzt oft allgemein von Schadstoffen die Rede, in manchem Debattenforum sogar von CO₂. Doch am weltweiten Ausstoß dieses wichtigsten Treibhausgases hat der Schiffsverkehr nur einen Anteil von drei, der Straßenverkehr aber von 17 Prozent. Und pro Passagier oder nach transportiertem Gewicht erzeugt kein Verkehrsmittel weniger CO₂ als ein Schiff.

Schweröl

Noch immer fahren sie auf dem offenen Ozean meist mit Schweröl, einer dreckigen Pampe, die auf dem Boden der Raffinerien zurückbleibt und bis zu 3,5 Prozent Schwefel enthalten darf. Das ist 3500-mal mehr, als an Land in Benzin und Diesel erlaubt ist. In europäischen und nordamerikanischen Küstengewässern ist der Schwefelanteil im Schiffstreibstoff seit 2015 zwar auf 0,1 Prozent begrenzt, das ist allerdings noch immer 100-mal mehr als im Straßenverkehr. Deshalb eignen sich Schwefeloxide so gut für einen drastischen Vergleich.

Relevanter für Umwelt und Gesundheit sind allerdings andere Schadstoffe. Neben dem Treibhausgas CO₂ sind das vor allem Stickoxide und Feinstaub. Auch dabei schneiden Seeschiffe schlecht ab, allerdings ist der Unterschied zum Auto weit weniger krass als beim Schwefel. Auch dazu hat der Nabu Zahlen veröffentlicht und im Rahmen seiner Kampagne zu einer schmackigen These zusammengefasst: “Ein einziger Ozeanriese stößt auf einer Kreuzfahrt so viele Schadstoffe aus wie fünf Millionen Pkw auf gleicher Strecke.”

Vergleich

Dieser Vergleich wird häufig zitiert und verkürzt. Ein Kreuzfahrtschiff macht so viel Dreck wie fünf Millionen Autos, heißt es dann. Das ist genauso falsch wie die These, die der Nabu aus den eigenen Zahlen ableitet. Für das Vergleichsjahr 2012 geht es dort nämlich gar nicht um “Schadstoffe auf gleicher Strecke”, sondern um “Schadstoffe pro Tag”. Und pro Tag legt ein durchschnittliches Kreuzfahrtschiff mehrere Hundert Kilometer zurück, ein deutsches Auto aber nur 36. Dabei transportiert das Auto im Schnitt 1,5 Menschen, ein großes Kreuzfahrtschiff aber bis zu 9.000. Bezogen auf die Passagierkilometer schrumpft die Vergleichszahl von fünf Millionen auf weniger als hundert.

Die ZEIT

Mein Zitat stammt aus dem Artikel der ZEIT und es lohnt auf jeden Fall ihn dort ganz zu lesen. Was mich aber immer wieder fasziniert, mit welcher Inbrunst Dieselfahrer ihr Auto verteidigen. Sich zusammenzutun und gegen die Konzerne zu klagen und der Politik auf die Füße zu treten, wäre die richtige Antwort. Sich ein eAuto anstelle eines neuen Stinkers zu kaufen, wäre die nächste Konsequenz. Die haben derzeit den geringsten Wertverlust. 😉

Aber noch mal, es geht hier nicht ums relativieren, es geht darum Missverständnisse auszuräumen. Das Hauptthema unserer Zeit dürfte hoffentlich allen klar sein. Es ist CO2, der größte Klimakiller. Und genau dabei sieht die gesamte See-Schifffahrt ausnahmsweise mal wesentlich besser aus als wir denken, siehe oben, “dabei hat der See-Schiffsverkehr nur einen Anteil von 3 % inkl. aller Containerschiffe, der Straßenverkehr aber hat einen Anteil von von 17 %.”

Lord have mercy und

sonnige Grüße
Ihr Klaus Müller

 

*) aus Wikipedia: Das Mem (Neutrum; Plural: Meme) ist Gegenstand der Memtheorie und bezeichnet einen einzelnen Bewusstseinsinhalt, zum Beispiel einen Gedanken. Es kann durch Kommunikation weitergegeben und damit vervielfältigt werden und wird so soziokulturell auf ähnliche Weise vererbbar, wie Gene auf biologischem Wege vererbbar sind. Ganz entsprechend unterliegen Meme damit einer soziokulturellen Evolution, die weitgehend mit denselben Theorien beschrieben werden kann.

Analog sind bei der Weitergabe Veränderungen möglich – etwa durch Missverständnis oder unterschiedliche Auffassungen – wobei (äußere) Umwelteinflüsse die weitere Verbreitung verstärken oder unterdrücken können. Nach Ansicht des Wissenschaftlers Mihály Csíkszentmihályi wird ein Mem kreiert, „wenn das menschliche Nervensystem auf eine Erfahrung reagiert“.

 

Ein Kommentar zu “Mercy#003 Faktencheck – endlich
  1. Ulrich Herfurth sagt:

    Danke für die Informationen zu diesem Thema. Für einen guten Spruch muss halt manchmal die Komplexität eines Sachverhalts leiden.

    Ich möchte dennoch an zwei Stellen widersprechen:

    Sie schreiben: “Was mich aber immer wieder fasziniert, mit welcher Inbrunst Dieselfahrer ihr Auto verteidigen.” Als Noch-Dieselfahrer muss ich dazu sagen: Ich verteidige meinen Diesel nicht. Schon gar nicht mit Inbrunst. Das setzt eine Emotionalität voraus, die ich gegenüber einem Gebrauchsgegenstand wie einem Kfz nicht habe. Wenn ich die derzeitige Diskussion dennoch problematisch finde, dann aus zwei Gründen:

    1. Ich lasse mich ungern verarschen. Von der Politik nicht, von Autokonzernen nicht und von dubiosen Umweltschutzvereinen auch nicht. Ich habe mir vor vier Jahren beim Leasing eines Kfz durchaus Gedanken darüber gemacht, was ökologisch das Beste ist. Obwohl es sich wirtschaftlich für mich nicht gerechnet hat, habe ich mich für einen EUR 5+ Diesel entschieden. Nach allem, was man damals als normaler Verbraucher wissen konnte, war das die ökologisch und gesundheitlich beste unter allen schlechten Alternativen. Wenn ich mich jetzt als Stickoxid-Nazi beschimpfen lassen muss und angeblich jedes Jahr Zehntausende von Menschen “vergase”, dann erzeugt das in der Tat eine Emotionalität, die das Auto selber für mich gar nicht hat. Wenn ich dazu noch wirtschaftlich betroffen wäre (was ich nicht bin, da das Auto nur geleast ist), würde ich in der Tat erwarten, dass diejenigen, die mich vor vier Jahren in diese Falle gelockt haben, jetzt auch eine Lösung finden.

    2. Sie schreiben: “Sich ein eAuto anstelle eines neuen Stinkers zu kaufen, wäre die nächste Konsequenz.”
    Nein!
    Erstens lügt man sich da in die Tasche. Die Mär vom angeblich umweltfreundlichen und abgasfreien Elektroauto ist – beim heutigen Stand der Technik und der Energieerzeugung – inzwischen widerlegt. Das eAuto selbst stinkt zwar nicht, dafür stinkt es woanders umso mehr.
    Zweitens: eAutos sind im Moment noch viel zu teuer.
    Drittens: Wegen der völlig unzureichenden Infrastruktur und der viel zu langen Ladezeiten sind eAutos nach heutigem Stand für Privatpersonen nicht praktikabel. Ich würde keins nehmen, wenn man es mir schenken würde. Für Flottenbetreiber mit eigenem Betriebshof, wie z.B. Logistik-Dienstleister etc., mag das auch heute schon anders aussehen.
    Viertens: Ich könnte mit einem eAuto schon deshalb gar nichts anfangen, weil ich die Karre überhaupt nicht aufgeladen kriege. Ich wohne in einem Mehrparteienhaus. Mein Vermieter würde mich auslachen, wenn ich ihn bäte, mir eine Steckdose zu meinem Stellplatz zu legen.

    Zusammenfassend: Ich verteidige “meinen” Diesel nicht “mit Inbrunst”. Mir ist völlig egal, welchen Antrieb mein Fahrzeug hat, solange es wirtschaftlich ist und sowohl Umwelt als auch die Gesundheit meiner Mitmenschen so wenig wie möglich schädigt. Was ich mir allerdings nicht nehmen lasse, das ist die Freiheit, die individuelle Mobilität mir ermöglicht. Dabei ist das Auto für mich nach heutigem Stand ein Element eines Mobilitätsmixes, in dem auch öffentliche Verkehrsmittel, Fahrrad, Carsharing etc. vorkommen.

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