Energiewende Ende einer Erfolgsstory?

Energiewende Ende?

www.fr-online.de
07. April 2016
Von Frank-Thomas Wenzel

Ende einer Erfolgsstory?

Bundesenergieminister Sigmar Gabriel ist drauf und dran, dem Ausbau des Windstroms schweren Schaden zuzufügen – ausgerechnet jetzt, wo die Technologie preiswert geworden ist. Eine Analyse.

Foto-DPA

Energiewende im Rückwärtsgang: Werden die Pläne der Bundesregierung für die Förderung der Erneuerbaren umgesetzt, kommt der Ausbau der Windenergie an Land schon bald zum Erliegen. Dabei handelt es sich um eine Erfolgsstory: Nach den Zahlen der Bundesnetzagentur wurden in den zwölf Monaten zwischen Februar 2015 und Januar 2016 Anlagen mit einer Kapazität von netto knapp 3600 Megawatt installiert (stillgelegte Anlagen sind dabei eingerechnet) – das entspricht etwa drei Atommeilern. Der technische Fortschritt hat dazu geführt, dass die Windenergie an Land die mit Abstand günstigste erneuerbare Erzeugungsart geworden ist – mit Kosten von sechs bis maximal neun Cent pro Kilowattstunde. Auch neue Kohlekraftwerke können Strom nicht billiger produzieren. Hinzu kommt, dass moderne Rotoren und Generatoren dazu führen, dass es sich auch an Standorten mit wenig Wind rentiert, Windmühlen aufzustellen.

Doch die weitere Entwicklung steht in den Sternen: Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat Anfang März einen Entwurf für die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) vorgelegt. Die neuen Bestimmungen sollen in den nächsten Monaten beschlossen werden. Unter anderem ist vorgesehen, dass die Strommenge aus erneuerbaren Energien 2025 auf einen Anteil von 40 bis maximal 45 Prozent am Stromverbrauch begrenzt wird. Zum Vergleich: Ende vorigen Jahres waren es schon knapp 33 Prozent. Nach einer Studie des Beratungsbüros ERA im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion bricht unter diesen Vorgaben der Ausbau der Windenergie schon bald zusammen: Würden die 45 Prozent angepeilt, könnten nach 2018 nur noch 1500 Megawatt jährlich installiert werden, heißt es in dem Papier. Das ist weit weniger als der Schnitt der vergangenen fünf Jahre. Die 1500 Megawatt reichten nicht einmal, um bis 2025 ältere Windmühlen gegen moderne auszutauschen, schreiben die ERA-Autoren. Das bedeutet: Die Erzeugungskapazität schrumpft. „Damit wird es schon in den 2020er Jahren zu einer Stagnation der Stromerzeugung aus Windenergie an Land kommen“, heißt es in der Studie. Von 2022 an schrumpfe dann sogar die Menge des Windstroms, der in die Netze eingespeist werde.

Die Folgen für die Firmen, die die Anlagen bauen, wären fatal. „Der Heimatmarkt vieler Hersteller bricht zusammen,“ sagt Julia Verlinden, Sprecherin für Energiepolitik in der Grünen-Bundestagsfraktion. „Mit ihrem Vorhaben haut die Bundesregierung den Windunternehmen ihr Standbein weg.“ Dabei sei die Windenergie eine kostengünstige Technologie, um Atom- und Kohlekraftwerke zu ersetzen. Gabriel wolle aber offenbar „den alten, fossilen Kraftwerkspark vor zukunftsfähiger Konkurrenz“ schützen“.

An dem Argument ist einiges dran. Es geht um die Anlagen der großen Energiekonzerne RWE, Eon, EnBW und Vattenfall. Alle vier Konzerne sind schwer angeschlagen, weil sie zu lange auf Kohle und Atomkraft gesetzt haben. Deshalb drohen dort massive Stellenstreichungen, wovor Gewerkschaftern graut. Überdies spielt eine Rolle, dass das Quartett die Kosten für den Abriss der Atomkraftwerke und die Endlagerung des Atommülls tragen soll.

Das alles führt zu einer rückwärtsgewandten Energiepolitik. Besser wäre es stattdessen, ambitioniertere Ziele zu formulieren. Etwa so, wie MVV-Chef Georg Müller es getan hat. Er fordert 55 Prozent Erneuerbare bis 2025.

 

Frank-Thomas Wenzel

Wirtschafts-Autor

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