Hans-Werner Sinn lässt die Atom-Katze aus dem Sack

Hans-Werner Sinn lässt die Atom-Katze aus dem Sack
Das Handelsblatt titelt am 4.7.2019:

Wir brauchen eine ernsthafte, tabufreie Klimapolitik

Die Zeit der sinnlosen Spielereien ist vorbei. Um die Klimaziele noch zu erreichen, muss endlich gehandelt werden. Zwei Wege versprechen die Lösung.

Und das was wir da im Handelsblatt lesen ist ein Gastartikel von Hans-Werner Sinn. Zitat:

Während Frankreich siebzig Prozent seines Stroms aus Kernenergie herstellt, will Deutschland den Doppelausstieg aus Atomkraft und Kohle.

Das ist jedoch kaum zu schaffen, denn der Widerstand gegen die Windanlagen wächst, weil sie die Landschaft verschandeln und in Industriegebiete verwandeln. Wie Pilze schießen die Bürgerbewegungen gegen die Grobiane aus dem Boden.

Wind- und Sonnenstrom sind zudem sehr unstet, und sie sind außerstande, den Strom nach Bedarf zu produzieren. Mal fehlt der Strom, mal gibt es zu viel davon. Weht kein Wind und scheint keine Sonne, müssen konventionelle Kraftwerke die Versorgung sichern. Kein einziges konventionelles Kraftwerk kann wegen der Wind- und Solaranlagen abgebaut werden.

Weht ein kräftiger Wind und scheint zugleich die Sonne, gibt es bisweilen schon heute so viel grünen Strom, dass der Strompreis negativ wird. Das Problem wird sich dramatisch verschärfen, wenn der Marktanteil des Wind- und Sonnenstroms, der heute 25 Prozent beträgt, über 30 Prozent hinaus erhöht wird.

Damit sind die Fronten aufgetan – Pro. Sinn fordert eine Umkehr hin zu Atomstrom

Hans-Werner Sinn fährt in seinem Artikel eine Reihe von Behauptungen auf denen man kaum widersprechen kann. Bitte lesen Sie den Artikel selbst (Klick). Aber was er da aufführt ist bewusstes Auslassen wichtiger Fakten, die ihm bekannt sein müssen. Damit begibt er sich auf ein Niveau, dass seinen Ruf endgültig schädigen wird (wir berichteten – klick).

Hier die Fakten. Sinn schlägt zwei Lösungswege vor:

Technisch gibt es nur zwei Auswege aus der Zwickmühle. Der erste besteht darin, die Kohlekraftwerke auf Gas umzustellen, denn bei der Gasverbrennung entsteht nur etwa halb so viel CO2 wie bei der Kohleverbrennung. Deutschland kann damit immerhin 130 Millionen von insgesamt 900 Millionen Tonnen CO2 einsparen.

Dafür braucht es neue Gaspipelines wie zum Beispiel die Nord-Stream-2-Pipeline. Gerade diese Pipeline wird jedoch von der EU-Kommission, nicht zuletzt auch von Frankreich massiv behindert. Der zweite liegt in der Kernkraft.

So kann Deutschland ausländischen Atomstrom kaufen oder selbst neue Kernkraftwerke bauen…

Hans-Werner Sinn macht hier wieder die altbekannten Fehler

Hans-Werner Sinn macht hier wieder mal die altbekannten Fehler, die man oft nicht erkennen kann und seine Aussage deshalb für logisch halten wird. Die beiden Lösungsansatz am Ende des Artikel würden erst dadurch klar und verständlich, wenn Sinn die wichtigen Dinge nicht weggelassen hätte.

Wenn er auf Gas anspielt, dann ist dieser Lösungsansatz ja richtig, aber sie enthält gleich zwei Komponenten hat, wovon er nur eine nennt, die bessere CO2-Bilanz von Erdgas. Die zweite ist aber vielleicht sogar die Wichtigere. Gaskraftwerke lassen sich nach belieben innerhalb kürzester Zeit hoch und runter fahren, was bei Kohle und Atom nicht gegeben ist. Deren Flexibilität passt zu fluktuierendem Strom wie ein Kreuzschlitzschraubendreher zu einer Sechskantmutter.

Gaskraftwerke brillieren

Gaskraftwerke brillieren zusätzlich dadurch, dass wenn wir Sonne und Wind haben, sie komplett abgeschaltet oder stufenlos geregelt werden können. Sie passen sich der Energie von Sonnen- und Windstrom absolut an und das können Atom- und Kohlekraftwerke nicht.

Sinn schreibt selbst: “Weht ein kräftiger Wind und scheint zugleich die Sonne, gibt es bisweilen schon heute so viel grünen Strom, dass der Strompreis negativ wird.”. Ja, der wird negativ, weil eben zu viel Strom aus Kohle- und Atomkraftwerken da ist, weil die eben nicht abgeschaltet werden können und weiterhin durchlaufen müssen. Sie werden zwar so gut es geht runtergeregelt, aber produzieren eben weiter. Es kommt also eine weitere CO2-Einsparung zustande weil Gaskraftwerke absolut auf NULL herunter geregelt werden. Das würde auch heute schon passieren können, würden wir einfach nur die vorhandenen Gaskraftwerke besser auslasten und dementsprechend Kohlekraftwerke außer Betrieb nehmen.

Warum lässt Sinn das aus

Weshalb sagt und das der Professor nicht? Den Merrit-Order-Effekt an der Strombörse sollte er doch kennen und das EEG-Paradoxon auch, die zu diesen sinkenden Preisen an der Strombörse führen? Wenn er das nicht kennt, dann sollte er seinen Titel abgeben. Aber man ahnt eben schon weshalb dieser wichtige Punkt ausgeklammert wird. Das ganze trifft eben genau so auch auf Atomkraftwerke zu und seinem Wunsch, die wieder verstärkt auszubauen. Und das ist der Knackepunkt. Dann würden selbst technisch ungebildete Menschen schnell dahinter kommen, dass ein ausschließlicher Mix aus Atomkraftwerken und Erneuerbaren Energie nicht passen kann und zum gleichen Ergebnis der Negativen Strompreisen führen muss. Und damit steigt dann die EEG-Umlage und führt zu höheren Strompreisen.

Frankreichs Fehler

Darüber hinaus hat Frankreich bereits genug von seiner eigenen Atompolitik, die ja wesentlich teurer ist als uns Sinn das hier denken lässt. Teure Reparaturkosten von alten brüchigen Atommeilern sprechen eine deutliche Sprache in den letzten Jahren. Bereits über die Hälfte aller Atommeiler, des Atommusterlandes haben ihr geplantes Lebensalter deutlich überschritten. Marcron und die Franzosen wissen also genau was auf sie zukommen würde, wenn sie anfangen Altbestände durch Neubauten zu ersetzen. Die Zeit des Atombooms ist längst zu Ende, denn für Frankreich wird es unbezahlbar.

Die vergangenen Winter haben gezeigt, dass Deutschland es war, das Frankreichs fehlenden Atomstrom bei Minustemperaturen mit deutschem Wind- Kohle- und Atomstrom auszugleichen musste, wenn die ältesten Meiler mal wieder wegen massiver Mängel abgeschaltet waren. Es ist ein Mythos, das wir Atomstrom aus Frankreich beziehen weil bei uns der Strom nicht ausreicht. Das lässt sich jederzeit über Onlineportale nachvollziehen in denen Deutschlands Stromimport und -Export bis 2011 zurückverfolgt werden können.

Hans-Werner Sinn outet sich hier eindeutig als Atom-Lobbyist. Auch wenn man es ihm vermutlich nicht nachweisen können wird, dass sich das auch in seinen Tantiemen nachweisen lässt.

Locker bleiben. Die Angriffe gegen die Energiewende werden natürlich immer härter werden. Aber das war ja klar, denn jetzt wird es äußerst bedrohlich für die Konzerne. Deshalb – klaren Kopf bewahren, Klimaschützen und Energiewende-Rocken

Euer Klaus Müller

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Ein Kommentar zu “Hans-Werner Sinn lässt die Atom-Katze aus dem Sack
  1. Avatar Pierre Herrmann sagt:

    Es könnten schon fossile Kraftwerke abgeschaltet werden, wenn die stillgelegten Gaskraftwerke genutzt würden. Über die gesamte Kette der Gasförderung bis zum Verbrennen haben Gaskraftwerke keinen Vorteil gegenüber Kohle (s. Tony Seba, Clean Disruption).
    Der Vorteil, den sie haben, ist tatsächlich nur der, dass sie sich ausschalten lassen.
    Fazit:
    1. keine neuen Gaskraftwerke bauen, keine Investitionen in neue fossile Infrastruktur, das Geld fehlt dann für die Erneuerbaren
    2. flexible Gaskraftwerke für wenige Jahre als Übergang bzw. als Option für Erneuerbares Gas (vermutlich nach 2030 erst)
    2.

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