Es braucht mehr Helden und Macher

Es braucht mehr Helden und Macher

Gastbeitrag – vielen Dank an Robert Manoutschehri, Dienstag, 21. Mai 2019

Pyromanen & erneuerbare HeldInnen

Wen nicht nur die Technik sondern auch das herausragende Engagement von Menschen interessiert, die aktiv zur Energiewende beitragen, der war am Energyhero Award auf der Intersolar am richtigen Ort.

Erneuerbare Energien sind auf dem Vormarsch – endlich, möchte man sagen, angesichts der Klimakrise. Der Anteil von EE an der Stromproduktion in Deutschland lag im ersten Quartal bei durchschnittlich 45 Prozent, womit ein Anstieg von 19 Prozent im Vergleich zum Vorjahres-Quartal vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) verzeichnet wurde. Doch trotzdem, jüngsten Prognosen zufolge ist das alles noch viel zu unambitioniert und auf bisherigem Weg könnte noch kein einziges EU-Land die Klimaziele von Paris erreichen.
 
Einen Überblick über den aktuellen Stand von Photovoltaik, Energiespeicher und Solarthermie bot die soeben in München zu Ende gegangene “Intersolar”, die als weltweite Leitmesse für die gesamte Solarwirtschaft und ihre Partner gilt. Doch nicht nur die technische Seite wurde dort für über 50.000 Besucher ausführlich beleuchtet, ins Spot-Light wurde auch das herausragende Engagement von Menschen gestellt, die aktiv zur Energiewende beitragen.
 
So wurden auf der Messe auch Ehrenpreise für verschiedene Innovationen und Leistungen vergeben. Neben dem “Smarter E” und dem “Intersolar” Award wurde dieses Jahr zum zweiten Mal auch der #Energyhero Award verliehen, der im Unterschied zu den Auszeichnungen der Fachbranche ein Publikumspreis ist. Bei diesem wurden die “Energiehelden und Heldinnen” des Jahres vom größten deutschsprachigen Social Media Forum zum Thema – der “Europäischen Energiewende” – bzw. deren über 15.000 Mitgliedern per Abstimmung ermittelt.

Ausgezeichnet mit dem Energyhero Award

Die ‪Auszeichnungen für 2019 erhielten Dr. Maja Goepel, Torsten Schreiber und #FridaysforFuture. Sonderpreise gingen an Franz Alt, #ParentsForFuture Germany (stellvertretend Cornelia Quaschning) und #Scientists4Future (stellvertretend Volker Quaschning)‬. Die Siegerehrung und Abschlussveranstaltung dazu fand letzten Donnerstag am Messe-Stand von Senec statt – unter den interessierten Augen vieler Branchengrößen, die den Reden von Impulsgebern, Trendsettern und geistigen Vorreitern aufmerksam folgten.
 

Gleich der erste Redner fasste das Thema und die Aufgabe wortgewaltig zusammen. Der TV-Journalist und Bestseller-Autor Franz Alt hat mit seinem Lebenswerk wesentlich dazu beigetragen, Energie- und Verkehrswende vorzubereiten oder dass Solar- und Windenergie zu den preiswertesten Energiequellen werden konnten. Dafür erhielt er den von ORB UG und der auf der Veranstaltung neu gegründeten Stiftung “Europäische Energiewende” gesponserten Sonderpreis.

Wir sind Pyromanen – Auszug aus Franz Alts Rede:

“Unsere Erde brennt. Unser gemeinsames Haus steht in Flammen. Aber wir diskutieren über die Höhe des Löschwassers anstatt mit vereinter Kraft zu löschen. So verbrennen wir die Zukunft unserer Kinder und Enkel.

Franz Alt

Was heißt Energiewende? Vor allem mal Schluss mit den Milliarden Subventionen an die alte zerstörerische Technologie von Kohle, Gas und Öl. Das muss vorbei sein, ein für alle Mal. Und viel rascherer Ausbau Erneuerbarer Energie, zumindest als das in Deutschland derzeit der Fall ist. Wir brauchen mindestens 5 x mehr Solaranlagen als heute.
 
Eine CO2 Bepreisung alleine reicht nicht, mittel- und langfristig muss ein grundsätzliches Verbot des Verbrennens von Kohle, Gas und Öl her – und das muss selbstverständlich werden. So selbstverständlich, wie heute das Nichtrauchen selbstverständlich geworden ist. Es reicht nicht, für Zigaretten einen höheren Preis zu verlangen, da werden immer noch viele weiter Rauchen. Erst als das gesellschaftliche Bewusstsein entstand, “das muss verboten werden”, erst dann hat man einen Durchbruch erzielt.
 
Auch Sklaverei oder Kinderarbeit kann man doch nicht dadurch abschaffen, dass man einen höheren Preis dafür verlangt. Es muss verboten, es muss abgeschafft werden, erst dann gibt es einen Durchbruch. Das muss unser langfristiges Ziel sein. Raus aus der Pyromanie, in der wir alle noch gefangen sind. Wir sind alle Pyromanen, solange wir noch Autos mit Benzin fahren, Öl, Gas und Kohle verheizen.
Was macht heute Helden aus? Sie fallen durch außergewöhnliches Handeln auf. Greta Thunberg ist für mich eine recht unspektakuläre Heldin. Sie ist eine Heldin, weil sie keine Heldin werden wollte. Die Menschen, die wir heute als “Energiehelden” ehren, wollten alle keine Helden werden.
 
Bob Dylan hat mal gesagt: “Ein Held ist jemand, der die Verantwortung versteht, die ihm durch seine Freiheit zukommt.” Das scheint mal eine sehr zeitgemäße Definition dessen zu sein, was heute Helden sind. Und ich füge hinzu: Eine Heldin oder ein Held ist, wer neben seinem Wissen auch auf sein Gewissen hört. Und die Bereitschaft hat, angesichts einer Notlage, in der wir uns ja heute befinden, nicht zurückzuweichen.
Gott sei Dank sind jetzt Millionen junger Menschen aufgewacht und gehen Freitag für Freitag auf die Straße für ein gutes Klima. Machen wir die Europawahl zu einer Klimawahl. Machen wir alle Bürgerinnen und Bürger zu “Citicens For Future”. Denn es gibt ein ganz einfaches Rezept, wie wir alle Energiehelden werden: Erneuerbar werden.”

Wir müssen alle “for Future” sein

Eine Rede, zu der auch die jugendlichen Vertreter von FridaysForFuture aus vollem Herzen applaudierten. Denn vor allem dem beherzten Engagement dieser selbstorganisierten Bewegung ist es zu verdanken, dass Klimaschutz und Energiepolitik erstmals seit langem wieder in der breiten öffentlichen Debatte angekommen sind.
Dafür wurde ihnen der von Autarq gestiftete Preis der EnergieheldInnen verliehen. GF Volkmar Behr und Mitbegründer der Firma Martin Flossmann sagte in der Laudatio dazu: “Ich meine, dass die Kinder unsere letzte Chance darstellen, den Planeten nicht völlig zu zerstören.”
 

Vertreterinnen von Fridays for Future Deutschland

Sie erinnern unsere Gesellschaft lautstark daran, dass wir mit unserer Zivilisation und unserer ganz und gar nicht nachhaltigen Art des Lebens bereits die planetaren Grenzen erreicht und überschritten haben, dass sich aber weder mit Naturgewalten noch -gesetzen diskutieren oder spaßen lässt und uns folglich nur mehr wenig Zeit bleibt, um auch künftigen Generationen noch ein lebenswertes Leben auf unserem Planeten zu ermöglichen.
 
Die FfF-Sprecherin brachte die klare Sichtweise der Schüler auf den Punkt: “Es kann nicht sein, dass weiterhin junge Menschen Freitags kein Wissen und keine Ausbildung erhalten, bzw. darauf verzichten müssen – weil IHR NICHTS TUT. Weil die Eltern nichts tun, um ihre eigene Zukunft zu retten.
Wir können und müssen ALLE Verantwortung übernehmen, lasst jeden Freitag alles liegen und stehen und kommt mit uns auf die Demos. Euer Job bringt Euch zwar vielleicht jetzt Geld, aber er bringt uns keine (lebenswerte) Zukunft. Und wenn Ihr nicht mit uns Verantwortung übernehmt, dann schaffen wir das nicht. Wir können alle Fridays for Future sein.”

Ideen, Konzepte und Visonen >jetzt< umsetzen

Die Vertreter von ParentsForFuture, Tina Bonertz und Claudia Quaschning, sahen dies genauso: “Wir wollen ganz klar ausdrücken, dass Leugnen, um den heißen Brei herumreden und Ausbremsen der Energiewende von uns nicht länger toleriert wird. Deshalb wird die nächste Wahl – die Europawahl – zur Klimawahl. Unsere Kinder können noch nicht selbst wählen gehen. Daher müssen wir Erwachsene stellvertretend jene Parteien wählen, die den Kindern ein besseres Leben ermöglichen werden und jene Parteien in die Schranken weisen, die Klimapolitik nicht verstehen und betreiben wollen.
 

Tina Bonertz, Claudia und Volker Quaschning

Und Volker Quaschning, der für die Scientists4Future sprach, erinnerte an die Ziele der Bewegung: Die nötigsten Maßnahmen für Deutschland sind Nettonull CO2 Emissionen bis 2035 erreichen, ein Kohleausstieg bis 2030, eine ehestmögliche Steuer auf alle Treibhausgasemissionen und 100 prozentige erneuerbare Energieversorgung bis 2035 bei bestmöglicher sozialer Verträglichkeit. Die Sonderpreise für das wertvolle zivilgesellschaftliche Engagement der Parents und Scientists wurden von der Stiftung Europäische Energiewende und ORB UG gestiftet.
 
Auch die Politikökonomin, Professorin und Autorin Dr. Maja Göpel machte per Video-Botschaft deutlich, “wie wichtig es ist, dass wir auch Technologie und Ingenieurwissenschaften in eine Bewegung überführen, die Lust macht, die Aufbruchsstimmung und uns allen eine Vison zeigt, wie eine gemeinsame nachhaltige Zukunft aussehen kann. So ein gemeinsames “for Future” ist ganz wichtig und richtig”, sagt die Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung “Globale Umweltveränderungen” (WBGU). Sie erhielt den von Solarkönig und Veranstaltungsmoderator Christian Kearsley gestifteten Preis in der Kategorie Energie-Heldinnen.
 

Torsten Schreiber erhält den Energyhero Award

Und dass Klimawandel und Energiewende keine lokalen oder isoliert zu betrachtenden Themen sind, sondern mit vielen anderen Themen interagieren, etwa auch dem viel diskutierten “Flüchtlingsproblem”, darauf macht Torsten Schreiber aufmerksam, der den von der Stiftung Europäische Energiewende und ORB UG gestifteten Preis als Energieheld für seine Leistungen als Social Entrepreneur erhielt.
 
“Es gibt jetzt schon Länder, wo der Klimawandel gnadenlos zuschlägt, wo 70 bis 80 Prozent aller Jugendlichen das Land verlassen – das vergessen wir oft. Und auch dort müssen wir Perspektiven schaffen, umso mehr, wenn der Klimawandel ungebremst so weiter geht”, so der Gründer von Africa Green Tec, der die erneuerbaren Energien in Weltgegenden bringt, wo es zum Teil noch überhaupt keine Energie-Infrastruktur gibt. Und mit ihnen auch Ausbildungs- und Arbeitsplätze schafft sowie den Zugang zu Bildung und Wissen ermöglicht.

Stiftungsgründung Live – ‪Aufwind statt Gegenwind für die Erneuerbaren‬ Energien

Die Grundaussage aller Anwesenden wurde dann nochmals in einer offiziellen Gründung der “Stiftung Europäische Energiewende” zusammengefasst, in deren 1. Präambel zu lesen ist: “Die größte Bedrohung für die Menschheit ist der Klimawandel, ausgelöst durch Verantwortungslosigkeit und Raubmentalität der bisherigen Wachstumsgesellschaft. Aber Wachstum ist auch friedlich und harmonisch denkbar. Unsere Nachkommen fordern uns eindringlich auf, zu handeln.”

Live Unterzeichnung der Stiftungsurkunde

Die Unterzeichnung der Gründungsurkunde der “Stiftung Europäische Energiewende” erfolgte live durch Joachim Ott, Rainer Roth, sowie durch RA Reinhold Bartha. “Unabhängig vom Forum und angeschlossenen Organisationen möchten wir auch Mittel einspielen und zur Verfügung stellen können, um die Energiewende voranzutreiben”, sagte Roth, GF der ORB UG.
 
Auch die Wirtschaft müsse Antworten auf den Klimawandel geben. Das wertvollste Ziel wirtschaftlicher Tätigkeit muss daher die Orientierung am Menschen und seinen geistigen, sozialen, naturverbundenen und materiellen Bedürfnissen unter ökologischen Rahmenbedingungen sein. Vor diesem Hintergrund wird die Stiftung auch das Bewusstsein dafür fördern, dass Geld ein soziales und gesellschaftliches Gestaltungsmittel ist.
Mit diesem konstruktiven Konsens endete die Verleihung des Energyhero Awards mit einem Chor aller anwesenden Solarteure: “Die Sonne scheint bei Tag und Nacht – ich steh auf Solarstrom” …
 
 

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