Rückblick – Was Konzerne tun wenn sie entdecken, dass sie das Geschwür sind

Rückblick – Was Konzerne tun wenn sie entdecken, dass sie das Geschwür sind

Im März vor zwei Jahren berichtete dieser Blog…

Shell wusste es schon vor 25 Jahren

Damals ging es um eine Videokassette, mit einem Lehrfilm von Shell, die aufgetaucht war. Darin warnte Shell selbst vor dem Klimawandel.

Es gebe einen “außergewöhnlichen Konsens unter Wissenschaftlern” in dieser Frage. Schon jetzt müssten Gegenmaßnahmen ergriffen werden, selbst wenn der letzte Beweis für die Schädlichkeit hoher Kohlendioxidkonzentrationen noch ausstehe. Das 28-minütige Video schildert eindringlich, dass es durch die Erwärmung zu einer Zunahme extremer Wettereignisse, zu Hungersnöten und Überschwemmungen und infolgedessen auch zu Massenwanderungen kommen dürfte.

In unserem Bericht tauchte auch der Name EXXON auf, dem wir uns heute widmen wollen. Dazu der Artikel aus der TAZ vom 24. 2. 2012.

Ölfirmen finanzieren Klimaskeptiker

BERLIN taz/afp | Die wissenschaftliche Szene in den USA wird von einem neuen Skandal um die “Klimaskeptiker” und seriöse Wissenschaftler erschüttert. Peter Gleick, ausgezeichneter Hydrologe und Leiter des “Pacific Institute”, hat eingestanden, sich interne Informationen des klimaskeptischen Thinktanks Heartland Institute illegal beschafft und veröffentlicht zu haben.

Damit hat nun auch ein seriöser US-Wissenschaftler im Kampf um die Deutungsmacht im Klimakrieg zu “dreckigen Tricks” gegriffen, die bisher den Skeptikern vorbehalten waren. Das Heartland Institute wiederum behauptet, eines der fraglichen Dokumente, das eine Strategie zur Beeinflussung der Öffentlichkeit belegen soll, sei gefälscht.

Gleick erklärte, ihm sei anonym ein internes Heartland-Dokument zugesandt worden. Darauf habe er sich mit einer falschen Identität an das Institut gewandt und weitere Unterlagen bekommen. Denen zufolge sammelt Heartland Spenden aus der Großindustrie und verteilt sie an Forscher und Publizisten, die sich klimaskeptisch äußern.

Der demokratische Abgeordnete Raul Grijalva fordert sogar eine Anhörung im zuständigen Parlamentsausschuss, um Vorwürfe zu prüfen, wonach ein beim Innenministerium angestellter Forscher für ein Kapitel in einem klimaskeptischen Buch 1.000 Dollar im Monat vom Heartland bekommen haben soll. Ein Mitarbeiter des Energieministeriums bekam den Dokumenten zufolge sogar vierteljährlich 25.000 Dollar für Entwürfe für Schulmaterial.

Zurück in eine “dunkle Ära”

Außerdem erwähnen die Papiere, es gebe finanzielle Unterstützung für eine alternative Gruppe zum UN-Klimarat IPCC, das NIPCC, “um die offiziellen IPCC-Berichte zu unterminieren”. Die Dokumente, die auf der Website DeSmog Blog einsehbar sind, vermitteln Details über die Großspender (unter anderem Koch Enterprises, ein Unternehmen aus dem Ölgeschäft), die Summen, die fließen (mehrere hunderttausend Dollar) und die Strategien für 2012, die Skeptiker-Agenda wachzuhalten – schließlich ist in den USA Wahlkampf und alle republikanischen Kandidaten für die Präsidentschaft zweifeln an der wissenschaftlich gestützten Theorie des Klimawandels.

Das Heartland Institute sieht eine Verschwörung am Werk. Sein Präsident Joseph Bast erklärte der Financial Times, das geleakte Papier mit der Strategie für 2012 sei eine Fälschung. Seine Veröffentlichung habe “dem Ruf des Instituts großen und bleibenden Schaden zugefügt”. Er hat Redaktionen und Blogs anwaltliche Schreiben zukommen lassen, in denen diese aufgefordert werden, die “gestohlenen und gefälschten” Papiere nicht zu veröffentlichen.

Die Debatte findet in einem Umfeld statt, wo Klimaskeptiker und seriöse Wissenschaftler heftig aneinandergeraten. Gerade hat Nina Fedoroff, die Präsidentin der US-Wissenschaftsvereinigung American Association for the Advancement of Science darauf hingewiesen, die Freiheit der Wissenschaften in den USA sei massiv bedroht.

Sie sei “zu Tode geängstigt”, dass die Attacken auf Wissenschaft und Forscher sich in den USA und in der ganzen Welt ausbreiteten. Klimaforscher würden bedroht und beschimpft, wenn sie ihrer Arbeit nachgingen. “Wir rutschen zurück in eine dunkle Ära”, sagte Fedoroff. Sie sie schwer getroffen, wie schwierig es heutzutage sei, “eine realistische Unterhaltung über Klimawandel oder Gentechnik zu führen.”

Die Genauigkeit der Exxon-Prognose

Die Exxongrafik aus dem Jahr 1982Interessanterweise findet sich in einem anderen Artikel zum Thema eine Grafik, die zeigt wie genau die Wissenschaftler von Exxon mit ihren eigenen Prognosen lagen. Es ist schon fast unglaublich wie nahe der Wert zu heute ermittelten CO2-Wert von 415 ppm liegt. Zitat: “Ein Abgleich der Exxon-Prognosen aus dem Jahr 1982 mit dem Verlauf bis heute zeigt, sie lagen nicht falsch. Die Forscher des Unternehmens sahen sowohl den CO2-Anstieg als auch den Temperaturanstieg korrekt voraus. Anfang Mai hatte der CO2-Anteil erstmals die Marke von 415 Teilchen pro Million Teilchen Luft (ppm) überschritten.” Und weiter…

Eine Grafik zeigt die Hochrechnung von vor 37 Jahren: Demnach sagten die Exxon-Forscher voraus, das der CO2-Gehalt 2019 bei 420 ppm liegen würde. Das Modell basierte auf der Annahme, dass fossile Brennstoffe und Ölreserven weiter genutzt würden. Der vorausgesagte Temperaturanstieg von 0,9 Grad wurde demnach bereits 2017 erreicht.

Ein Papier, dass die Forscher des Konzerns damals veröffentlichten, macht es noch deutlicher: Darin wird gewarnt, dass der Treibhauseffekt zunehmen und die Erderwärmung vorantreiben würde. Ebenfalls vorausgesehen wurde, dass die Polarkappen durch den Klimawandel schmelzen würden.

Bis heute wird das Spielchen weiter betrieben. Die Klimaleugnerszene, auch in Deutschland, namentlich das Europäisches Institut für Klima & Energie, EIKE, aber mit Sicherheit auch andere Institutionen werden weiter mit “Stoff” zur Desinformation über den anthropogenen Klimawandel versorgt. Dabei steht ExxonMobil inzwischen in den USA vor Gericht.

Gerichtliche Ermittlungen zu Anlegertäuschungen und Verbraucherschutzverletzungen

2016 leitete der New Yorker Generalstaatsanwalt Ermittlungen gegen ExxonMobil ein. Dabei geht es um die Frage, ob der Konzern seine Aktionäre seit den 1980er-Jahren (damals noch als Exxon) über die Klimagefahren in die Irre geführt hat. Die Staatsanwaltschaften Kaliforniens, Massachusetts und der Virgin Islands folgten New York und leiteten ebenfalls Ermittlungen ein.

Kurze Zeit später begann auch die Generalstaatsanwältin von Massachusetts mit einer entsprechenden eigenen Untersuchung; ihr Schwerpunkt sind mögliche Verstöße gegen das US-Verbraucherschutzgesetz.

Daraufhin verklagte Exxon die Generalstaatsanwälte von Massachusetts und New York vor einem Gericht in seiner Firmenheimat Texas, um die laufenden Untersuchungen zu stoppen, ein bislang beispielloser Vorgang. Nachdem das Gericht die Klage nicht sofort ablehnte, beantragte Exxon Vorladungen gegen elf Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen und Rechtsanwälte. Diese Vorladungen wurden eingefroren, nachdem der Richter in Texas Exxons Klage an die Gerichte in New York und Boston zurückverwies.

Das Geschwür

Die obige Frage, was Konzerne machen, wenn sie entdecken, dass sie das Geschwür sind, ist also leicht beantwortet. Sie werden alles dafür einsetzen um so lang wie möglich ihr Geschäft weiter betreiben zu können. Sie suchen sich Mitstreiter und bilden Koalitionen, global climate coalition. Allerdings wenn sie damit das Leben weiterer Generationen hier auf dem Planeten gefährden wird es ungemütlich.

Es wird also Zeit für ein Klimatribunal und massenhaften Gerichtsverfahren zum Klimawandel. Es muss gegen Verursacher und Wiederholungstäter auch bei der organisierten Leugnung des anthropogenen Klimawandels vorgegangen werden. Wikipedia listet inzwischen die Verfahren.

Klimaklagen lassen sich auch danach unterscheiden, ob es sich um proaktive Klagen handelt, die eine Regulierung und Klimaschutz oder -anpassung voranbringen wollen, oder um antiregulatorische, die sich gegen vorgeschlagene Vorhaben richten und zu Beschränkungen von Klimaschutz oder -anpassung führen können.

Seit etwa 2010 gewinnt in der Wissenschaft die Verbindung von Klimaklagen mit Menschenrechten an Aufmerksamkeit. Peel und Osofsky konstantierten in einem 2018 veröffentlichten Artikel eine „Menschenrechtswende“, Kläger würden zunehmend Ansprüche auf Menschenrechte in Gerichtsverfahren geltend machen und Gerichte würden dem offener gegenüberstehen. Im Fall Urgenda gegen die Niederlande sah das Gericht in zweiter Instanz Menschenrechte durch mangelnden Klimaschutz verletzt (→ #Niederlande).

Sonnige Grüße

Euer Klaus Müller

.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*